Ich sach ma so.....

 

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JE SUIS CHARLIE

Satire muss alles dürfen.
9.1.15 08:03


Ein Blümchen namens Jürgen

Wenn der Dichter sagt, meine lieben Leser, unser Leben ist eine Straße und die Menschen, die uns begegnen, sind die Blumen am Wegesrand, so möchte ich heute einmal vom größten und skurrilsten Blümchen sprechen, welches ich jemals am Wegrand meines Lebens erblickte: Jürgen. Wenn Sie sich nun ein ca. 2,10 Meter großes Gänseblümchen vorstellen mögen, welches sich nahezu ausschließlich von Korn-Cola ernährt und als Paketbote bei DHL arbeitet, dann ist das fast schon ein bisschen gruselig. Allerdings muss man dazu sagen, dass Jürgen und ich damals die einzigen Bewohner eines heruntergekommenen Mehrfamilienhauses waren, welche überhaupt einer beruflichen Tätigkeit nachgingen, mal abgesehen von der Horde kiffender Dauerstudenten aus Appartement 3c, aber das ist eine andere Geschichte. Ich gebe gern zu, dass zwischen unserem Postblümchen und mir so etwas wie eine Symbiose existierte, da Jürgen ausschließlich als Beleg dafür diente, dass es noch beschissenere Jobs gab als meinen und ich noch nicht den Bodensatz der Gesellschaft erreicht hatte, auch wenn ich gelegentlich schon feuchte Füße bekam. Ja, es waren nicht die besten Zeiten damals und weder das Jürgen-Blümchen noch ich strotzen vor Lebensfreude. Aber Sie, liebe Leser, wissen natürlich um meine Gabe, auch in der trostlosesten Situation einen Rest von Humor aus den letzten Ecken meines Daseins kratzen zu können und so gab es auch dieses Mal etwas Schreibenswertes. Bevor ich jedoch berichte, muss ich Sie auf die baulichen Besonderheiten unserer damaligen Behausung aufmerksam machen, denn dieses ist für die weitere Geschichte von zentraler Bedeutung. Das Haus in der Maybachstraße stand an einem Hang, so dass meine Wohnung von der Straße aus im 1. Stock lag, im Hinterhof jedoch im Parterre. Jürgen wohnte über meinem Appartement, so dass er von der Straße aus gesehen im 2. Stock lebte, von hinten betrachtet jedoch nur im ersten Stock. Dieses war vom Architekten vor 300 Jahren so geplant worden; nicht, dass Sie denken, dass Haus habe sich aufgrund des grob geschätzt 400 Jahre andauernden Reparaturstaus entsprechend geneigt. Obwohl ich gestehen muss, es hätte mich nicht gewundert, wäre das Haus irgendeines schönen Tages einfach lautlos in sich zusammengefallen. Hin und wieder muss auch der Herrgott einige evolutionäre Flurschäden von der Landkarte tilgen: denken Sie nur als Sodom und diese andere Stadt, von der ich keine Ahnung habe, wie man sie schreibt.

Unser Feierabend sah stets gleich aus: manchmal trafen mein unglücklicher Paketbote und ich zur selben Zeit zuhause ein, was mich in die Lage versetzte, beobachten zu dürfen, wie Goliath-Jürgen sich in einer Weise aus seinem klapprigen Kleinwagen faltete, welche man nur als sehenswert bezeichnen kann und die sogar einem Schlangenmenschen Anerkennung abgerungen hätte. Während Jürgen seine Körpergröße von 1,30 Meter Autofahr-Größe wieder auf das normale Maß entfaltete, kam meist auch die obligatorische Lidl-Tüte zum Vorschein, in welcher sich neben 3 Flaschen Korn noch eine Packung Wiener Würstchen und ein Paket Graubrot befanden. Wir beließen es bei einem kurzen Nicken voller anerkennender Ablehnung und jeder zog sich in seine Kemenate zurück. Ich warf zunächst die nach Rechnung aussehende Post in den Papiermüll, nahm sodann ein paar bewusstseinserweiternde Drogen und suchte Entspannung bei einem möglichst trivialen Fernsehprogramm. Jürgen schien es ähnlich zu machen, doch tauschte er die Drogen gegen die bereits erwähnten Liter Korn-Cola und das Fernsehprogramm gegen die „Greatest Hits“ der „Eagles“. Irgendwann im Laufe des Abends hatte mein geschätzter Mitbewohner dann seinen Alkoholpegel, was man daran merkte, dass die Musik immer lauter wurde und der Song „Hotel California“ in der Dauerschleife lief. Er musste Jürgen viel bedeuten, dieser Song, denn sonst hätten wir ihn nicht jeden Abend ungefähr 150 Mal gehört. Vielleicht waren es Erinnerungen an bessere Zeiten, die aber offenbar schon lange, lange vorbei waren, oder es war die Trauer über die Tatsache, dass es diese Zeiten niemals gegeben hatte. Wer weiß. Auf jeden Fall öffnete mein Jürgen irgendwann immer die Balkontür und wankte hinaus, um die Welt an seinem Schmerz teilhaben zu lassen. Und dann passierte es: aufgrund seiner beachtlichen Körpergröße stellte die viel zu niedrige und ohnehin marode Balkonbrüstung kein nennenswertes Hindernis dar und so verlor 3-Promille-Jürgen regelmäßig das Gleichgewicht und stürzte vom Balkon in den Hinterhof. Die 2 Meter 50 Fallhöhe war zwar nicht tödlich, doch muss sich unser tapferer Postmeister zumindest regelmäßig wehgetan haben, auch wenn er in dem weichen Unkraut-Teppich landete, welcher der trostlosen Umgebung zumindest einen kleinen grünen Farbklecks bescherte. Dann folgte zunächst Stille, bis der gespannt lauschende Zeuge dieses sehenswerten Vorfalls irgendwann erleichtert einige leise Flüche des Opfers vernehmen konnte. Sie kennen ja den alten Spruch: Kinder und Betrunkene tun sich so gut wie nie weh. Wenn man diese Weisheit mal zugrunde legt, dann war Jürgen doppelt geschützt, denn neben einem recht kindlichen Gemüt verfügte er über einen stets verlässlichen Alkohol-Grundpegel. Irgendwann tauchte begleitet von leisen Flüchen und unterdrücktem Stöhnen eine Hand an meiner Balkonbrüstung auf, einige Augenblicke später gefolgt von Jürgens rotem Kopf und einem Blick, welcher die Attribute Orientierungslosigkeit, geistige Überforderung und Überraschung in beeindruckender Art und Weise in sich vereinigte.
Da ich natürlich stets um das Wohlbefinden meiner Mitmenschen besorgt bin, stürzte ich auf den Balkon, das Telefon bereits in der linken Hand (den Notruf und die Nummer des Bestattungsunternehmers haben bei mir die Plätze 2 und 3 nach dem Pizzaservice auf Platz 1) und den antiken Verbandskasten in der rechten, um mich davon zu überzeugen, dass Jürgen neben einer gewissen Grund-Hässlichkeit keine weiteren unter Umständen gefährlichen Blessuren davon getragen hat. Das festzustellen war besonders am Anfang nicht immer einfach, da mein werter Herr Nachbar stets aussah, als habe er die Nacht in einem laufenden Betonmischer bzw. auf einem Kranausleger verbracht. Er war nicht gerade der Mensch, mit dem die Evolution angeben würde, um es mal vorsichtig auszudrücken. Es hielt sich zwar hartnäckig das Gerücht, Jürgen sei geschieden, doch wusste man natürlich nicht von wem oder von was. Seine Wirkung auf Frauen ließ sich am besten mit der Tatsache charakterisieren, dass nicht einmal die weibliche Nachbarskatze etwas von ihm nahm. Erotisch ist anders.

Obwohl ich nicht unmittelbar zu Jürgens absoluten Fans zählte, so hat doch der Anblick eines Körpers, welcher von oben nach unten (wie auch sonst?) am Wohnzimmerfenster vorbei fällt, etwas Dramatisches und Traumatisches, so dass ich zumindest bei den ersten 200 Mal schreckhaft zusammenzuckte. Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier und irgendwann waren Jürgens Flugversuche für mich ebenso Routine wie das Paar aus dem Hinterhaus, welches sich stets in volltrunkenem Zustand abwechselnd mit Leergut bewarf. Diesbezüglich muss ich allerdings sagen, dass der Unterhaltungswert dieser beiden beträchtlich größer war, denn sie erlaubten mir, Wetten abzuschließen, wer wen heute als erstes am Kopf trifft und ob Polizei und Krankenwagen mehr oder weniger als 30 Minuten brauchen, während der Sieger draußen die restlichen Pfandflaschen einsammelt. Ja, so ein Sieg will natürlich auch anständig gefeiert werden. Irgendwann plumpste Jürgen ungesehen in den Hinterhof und solange kurze Zeit später die obligatorische Hand an meiner Balkonbrüstung auftauchte, bestand keinen Anlass, die Couch zu verlassen oder Geld an ein Ortsgespräch zu verschwenden. Man muss die Menschen zur Selbständigkeit erziehen, dachte ich mir, und so deponierte ich irgendwann meinen antiken Verbandskasten auf dem Balkon, so dass Mister DHL sich bei Bedarf selbst hätte bedienen können. Schließlich weiß man ja als guter Nachbar, was sich gehört.
Eines Tages nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und erkundigte mich bei Jürgen, ob die allabendliche Flugschau eigentlich als Unfall anzusehen ist oder ob es sich dabei um eine religiöse Tat oder ähnliches handelt. Vielleicht erhoffte Jürgen sich auf diese Art und Weise auch einen Eintrag in das Guinnessbuch der Rekorde oder so. „Oder willst Du einfach mal wissen, wie sich so eine Postwurfsendung fühlt, was?“, fragte ich und war selbst geradezu hingerissen vom geistreichen Witz meiner humoristischen Äußerung. Für Jürgen war dieses Maß an Humor und Geist offenbar unerreichbar, denn er glotzte mich mit dem Gesichtsausdruck eines toten Karpfens an. Allerdings hatte ich das dringende Gefühl, dass er an diesem Abend mit einem gewissen künstlerischen Anspruch und besonderen Elan wieder einmal bewies, dass Luft keine Balken hat.
Ja, es hatte einen gewissen Unterhaltungswert und das blieb auf die Dauer auch den übrigen Nachbarn nicht verborgen. Irgendwann versammelte sich die kiffende Blüte unseres Landes regelmäßig im Hof und wartete auf die Flugschau und sogar das Paar aus dem Hinterhaus verlegte das Leergut-Zielwerfen auf die flugfreie Zeit. Die Idee, dem Ganzen als Event mit Grillparty oder ähnlichem einen professionellen Charakter zu verleihen, setzte sich leider nicht durch. Auch die Idee einer Pressemitteilung wurde aus unerfindlichen Gründen zu schnell wieder verworfen. Evil Knievel wäre bestimmt nicht so berühmt geworden, wäre er mit seinem Motorrad nur im Hinterhof herum gesprungen. Aus der Sicht eines Marketing-Experten wurde hier Potenzial vergeudet, aber ich kann mich auch nicht um alles kümmern. Allerdings schritt ich energisch ein, als diese pseudo-intellektuellen Weicheier-Studenten vorschlugen, im Hof einige alte Matratzen zu deponieren, damit Jürgen sich eines Tages nicht doch ernsthaft verletzt. „Quatsch!“, warf ich in die Debatte ein, „Jürgen ist nicht umsonst der Chuck Norris der Paketboten! Matratzen würden ihn beleidigen und ihn zudem in seiner künstlerischen Freiheit einschränken. Man denke nur mal an Dinge wie z.B. „Brauner Bär“ – das großartigste Eis meiner Kindheit. Jahrelang war es perfekt: künstlich und ungesund. Dann wurde daran herumgedoktert und was kam heraus? Irgend so ein natürlicher Mist, denn keiner mehr kaufen wollte. Nein nein, Jürgens Nummer steht und ist perfekt so wie sie ist.“. Der Stichhaltigkeit und unbestreitbaren Logik meiner Äußerung wurde anerkennend Rechnung getragen und um mich dennoch kooperativ zu zeigen, willigte ich ein, zumindest die Glasscherben aus der Landezone zu entfernen. Aber was soll ich sagen? Nach der kleinen Aufräumaktion war irgendwie der Zauber aus der Nummer raus. Schließlich erwischte ich mich sogar dabei, wie ich nach dem Sturz nicht einmal mehr in Richtung Balkongeländer schaute, um auf Jürgens vertraute Hand zu warten.

So normal des Nachbars Fallsucht für mich wurde, so erschreckender war sie natürlich für meine Besucher. Ich gebe zu, mein Image in der Gesellschaft litt ein wenig darunter. So hatte meine Mutter schließlich den Weg zu mir gefunden und wir saßen entspannt plaudernd (so entspannt man eben sein kann, wenn die liebe Mutti einen zuhause besucht) in meinem Wohnzimmer. Irgendwann stockte meine Erzeugerin mitten im Satz wurde kreidebleich und schrie:“ Da, da, da ist eben jemand am Fenster vorbei gestürzt!“. Dieser panische Gesichtsausdruck hatte schon etwas Herziges an sich, doch er änderte sich schlagartig in Unverständnis, als ich ungerührt und ohne den Blick zu wenden antwortete:“ Hmm, ja.“. „Nein wirklich! Da ist eben jemand herunter gefallen!“, rief meine Mutter immer noch voller Entsetzen. „Ja, ich weiß, Muttern.“, versuchte ich sie zu beruhigen“ Das ist nur Jürgen. Der kommt gleich wieder hoch.“. Schließlich tauchte irgendwann die oft beschriebene Hand am Balkongeländer auf und ließ Jürgens Kopf folgen. Als er registrierte, dass ich Besuch hatte, überraschte unser kleiner Hermes uns mit dem Benehmen eines Gentleman, indem er meine Mutter anlächelte und mit der freien Hand winkte. Ist mir wirklich unverständlich, warum Jürgen keine Frau abbekommt. Es dauerte ein bisschen, bis ich meiner werten Erzeugerin die ganze Situation geschildert hatte und schließlich musste ich mir auch noch vorwerfen lassen, ich sei verroht, zynisch und egozentrisch. Hätte irgendjemand die Menschen als egozentrisch betrachtet, welche die Gebrüder Wright zu ihren Flugversuchen animiert haben? Der Gerechte muss viel leiden.
Um diesen unglaublichen Vorwürfen jedweden Nährboden zu entziehen, suchte ich irgendwann einmal das Gespräch mit Jürgen: „Sag mal, Du weißt aber generell schon, dass wir ein Treppenhaus haben, oder?“. Mit dieser Äußerung hatte ich Flug-Jürgen wieder überfordert, wobei ich mir bis heute nicht wirklich sicher bin, ob er nicht vielleicht doch einige Spätfolgen davon getragen hat. Tatsächliche Blessuren waren nämlich die absolute Ausnahme: einmal verstauchte sich Jürgen das Handgelenk und ein anderes Mal trug er eine Platzwunde an der Stirn davon – auch Profis haben mal einen schlechten Tag.

Irgendwann erlaubte es meine finanzielle Situation, in eine bessere Gegend umzuziehen und so stehe ich heute hin und wieder an lauen Abenden bei gutem Flugwetter und geeigneter Thermik wehmütig und an alte Zeiten denkend auf meinem Balkon und wenn keiner zuhört, stimme ich sogar manchmal den alten Nicole-Klassiker an: „Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund,…“. So sind wir eben, wir sentimentalen Egozentriker.
19.5.14 09:48


Nur mal so...

Einer der kleinsten bekannten Räume ist das menschliche Ego - es ist so klein, dass nicht mal Platz für ein bißchen Verstand bleibt.
10.5.14 12:07


Verbissen

Wer, liebe Leser, kennt das nicht? Da liegt man friedlich im Bett oder streift nach Einbruch der Dunkelheit auf der Suche nach Leergut durch die Straßen und plötzlich kommt ein Vampir daher und ruiniert Ihnen mit einem einzigen Biss die nächsten 600 Jahre Ihres Daseins. Zu ärgerlich und ich denke, den meisten von Ihnen ist es so oder ähnlich schon passiert. Ein kurzes stechendes Gefühl am Hals und Sie können nur noch Nachtschicht arbeiten, sich am Strand allenfalls einen Mondbrand holen, müssen in mucheligen Holzkisten schlafen und – wenn Sie der Hunger plagt - die Currywurst mit Pommes gegen die Halsschlagader ihrer Nachbarin eintauschen. Und was das alles nach sich zieht: soziale Isolation, Sprachfehler durch plötzliche Fehlstellung der Vorderzähne, nutzlos gewordene Alibert-Badezimmer-Spiegelschränke, keine Weihnachtsandacht in der Kirche mehr, und, und, und.

So nutzten meine holde Lebensabschnittsgefährtin und ich jüngst zu nachtschlafender Zeit einen kurzen Verdauungsspaziergang von unserem Lieblings-Griechen nach Hause dazu, diese Problematik intensiv zu diskutieren. Aufgrund der genossenen Menge an Knoblauch hätte ich nicht nur sämtliche Vampire von der Landkarte putzen können, sondern auch Länder erobern, Wälder entlauben und Stahltüren schmelzen – alles mit einem Atemzug. Meine Liebste hatte zusätzlich noch zur Wahrung der griechischen Esskultur und um unsere Gastgeber nicht zu beleidigen, dem Ouzo stark zugesprochen. Ein Vampirbiss wäre in jedem Fall tödlich gewesen – für den Vampir. Ich denke, 5,4 Promille hauen auch ein Wesen aus der Schattenwelt aus dem Totenhemd. Uns drohte diesbezüglich an besagtem Abend also keine Gefahr, aber so ist es ja leider nicht immer, denn zumindest essen wir nicht täglich Tonnen von Knoblauch, so dass ich mich dieser Problematik dringendst annehmen musste. Da traf es sich vorzüglich, dass unsere Freunde Ike und Silke, welche eher der dunklen Seite des Lebens zugewandt sind, uns mit einem Fachbuch mit dem verheißungsvollen Titel „Vampire, Vampire“ bedachten. Es handelt sich dabei um ein seriöses Fachbuch, welches den Leser in die Lage versetzt, am spannenden Leben der Blutsauger teilzuhaben, um dann zu entscheiden, ob er dem Verein beizutreten wünscht oder nicht. Sollten Sie sich gegen eine Existenz als Vampir entscheiden, so hält der Schmöker eine Vielzahl an Möglichkeiten bereit, um sich gegen eine Zwangsrekrutierung zu wehren.
Nun genießt die gesamte „Vampir“-Thematik aufgrund dieses ganzen „Twilight“-Gerümpels im Kino und Fernsehen besonders bei jüngeren Menschen eine romantisch-verklärte Popularität. Das ist für mich durchaus verständlich, hat sich doch die Lebens- und Karriereplanung beim Nachwuchs um eine realistische Möglichkeit erweitert. Jetzt werden alle, die nicht zum Hartz-4-Empfänger, Popstar oder Model taugen, auf Vampir umsatteln (zumal für diesen Beruf weder der Besuch einer weiterführenden Schule und schon gar kein Hochschulstudium erforderlich sind). Man muss lediglich des Nachts über den Friedhof des Vertrauens streifen und Augen und Adern offen halten. Ist der Bewerber dann optisch nicht zu abstoßend, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Robert Pattinson aus dem nächsten Grab hüpft und die Blutsbrüderschaft einläutet.

Aber darum ging es uns nicht. Wir möchten eben KEINE Vampire werden und dabei sollte uns das besagte Büchlein helfen. Ich darf Ihnen, liebe Leser, sagen, dass ich mich nach der Lektüre nun mit Stolz und Recht als Experte auf diesem Gebiet bezeichnen darf, obwohl die Tatsachen wenig romantisch und teilweise recht ernüchternd sind. Vergessen Sie alles, was mit Bissen in hübsche Frauenhälse, mit Holzpflöcken durch das Herz, mit Verwandlung an eine Fledermaus oder Knoblauch zu tun hat. All dies entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage und ist ebenso eine Erfindung des Fernsehens wie der dicke fröhliche Weihnachtsmann, den Coca-Cola uns seit fast hundert Jahren vorgaukelt. Es ist alles viel simpler und teilweise geradezu grotesk. So verwandelt sich der Blutsauger in der klassischen bulgarischen Variante gar nicht in eine Fledermaus, sondern in eine Kröte, einen grünen (!) Maulwurf, einen Hahn, ein Lamm oder – Achtung! – in einen Heuschober! Ferner sollten Sie sich in Acht nehmen vor Wassermelonen, Kürbissen, Betten, Stühlen und gewissen menschlichen Körperteilen wie z. B. Augen; aus allem kann binnen von wenigen Augenblicken ein Vampir werden. Zum Glück hatte ich schon immer eine natürliche Scheu vor Obst. Ich stelle mir gerade vor, wie Herr Pattinson in das Schlafgemach seiner Angebeteten in Form eines grünen Maulwurfs oder einer Honigmelone kullert und bin mir ziemlich sicher, dass die Kinofilme in diesem Fall vielleicht nicht ganz so erfolgreich gewesen wären. Nun noch ein anderes Bild für die Puristen unter uns: stellen Sie sich bitte Bela Lugosi vor, wie er die Damenwelt der Stummfilmzeit als Heuschober erschreckt. Das wäre nicht nur recht albern, sondern auch sehr unpraktisch, es sei denn, Sie können sich vor Augen führen, wie des Nachts ein Heuschober durch das offene Fenster in ihr Schlafgemach schwebt, um Ihnen das Blut auszusaugen.
Überhaupt scheint sich jede Volksgruppe ihre Vampire so zu Recht zu basteln, wie sie sie gerade benötigt. So kann in Ungarn ein Vampir durchaus auch als Gebüsch auftreten. Ich wage mir gar nicht vorzustellen, wie dann die polnische Variante aussieht; Blutsauger in Form von Gebrauchtwagen vielleicht. Die Dänen würden sich plötzlich vor Flaschen mit bunten und süßen Likören fürchten, der griechische Vampir kommt als Euro-Rettungs-Fond daher, Schweizer Blutsauger sind aus Schokolade und die italienische Ausgabe verschafft sich als Spaghetti carbonara Zutritt zu Ihrem Schlafgemach. Man kann also nichts und niemandem mehr trauen. So besprühen meine Trautholdeste und ich neuerdings jeden Behördenbrief mit Tsatsiki, denn die deutsche Variante der Vampire könnte sich sicherlich unter dem Deckmantel von Recht und Ordnung verbergen.

Aber damit nicht genug. Wer von uns erinnert sich nicht wehmütig an den großen Schauspieler Christopher Lee, wie er seine Zähne in den unberührten bildschönen Hals einer Jungfrau schlägt, um sie zu der Seinen zu machen? Da muss man weiß Gott kein Fetischist sein, um das Knistern der Erotik zu hören. Die Wahrheit ist wie immer viel glanzloser. Zwar beißen Vampire auch in Hals und Büste, viel häufiger jedoch in den Bauchnabel, das Ohr und sogar in den Hintern. Liege ich falsch, wenn ich annehme, dass Klaus Kinski als „Nosferatu“ nur halb so gruselig gewesen wäre, hätte er den gesamten Film damit verbracht, auf Knien rutschend seine potenziellen Opfer zu verfolgen, um sie in den Allerwertesten zu beißen? Nichts ist es mit den gut aussehenden (wenn auch blassen) jugendlichen Vampiren, welche sich an fremder Leute Hälsen zu schaffen machen. Stellen Sie sich lieber darauf ein, dass Ihnen ein Heuschober oder irgendein Kürbis in den Arsch beißt – kein wirklich erstrebenswerter Zustand, oder? Allerdings habe ich durch meinen Vampir-Wälzer endlich die Notwendigkeit von Bauchnabelpiercings erkannt. Allerdings sollten die Damen als Material Silber oder das Holz einer weißen Eiche bevorzugen. Das niedliche kleine Glitzer-Piercing aus Chirurgenstahl bleibt dem Fremdtrinker allenfalls in den Zähnen hängen. Im Notfall können sich die Männer auch mit einem 3,5-Kilo-Echtholz-Genital-Piercing behelfen, sofern es beispielsweise aus Ahorn gefertigt wurde. Ihr Baumarkt hält Varianten in allen Preis- und Gewichtsklassen für Sie bereit. Was das Beißen in die Ohren angeht, so kann das für die Opfer doppelt ärgerlich werden, da häufig nicht nur der Verlust von Blut zu beklagen ist, sondern auch teure Hörgeräte dem Durst zum Opfer fallen. Und welcher Vampir ist schon Haftpflicht versichert? Besonders armselig erscheint da der bulgarische Vampir, denn er ernährt sich nicht nur von Blut, sondern vor allem von menschlichen Exkrementen. Warum? Bulgarische Blutsauger haben nur kleine recht stumpfe Zähne, mit der sie die menschliche Haut kaum verletzen können. Sie spitzen vor dem Essen kleine Holzstöcke an, um ihre Opfer damit gebrauchsfertig zu machen. Vorsicht also in jedem Fall vor bulgarischen Pfadfinder-Gruppen!

Nun jedoch zum zentralen Punkt: wie schützt sich meine Leserschaft wirksam davor, ein scheißefressender Kürbis zu werden? Damit kann man gar nicht früh genug beginnen. So sollten Tote, die aus irgendeinem Grund den Verdacht erwecken, sie könnten als Vampire wiederkehren, bereist vor der Bestattung entsprechend präpariert werden. Die slawischen Völker halten da allerhand bereit. So werden Tote mit Schweineschmalz eingerieben oder man stopft ihnen Hirse und Knoblauch in Mund, Nase, Augen und Ohren. Das erinnert zwar eher an ein Barbecue-Rezept von Jamie Oliver, soll aber helfen. Ein kostengünstigere Variante besteht darin, den Toten mit dem Gesicht nach unten zu bestatten, damit er sich statt nach oben in die Freiheit immer tiefer eingräbt und somit nicht zurückkehren kann. Vampire scheinen den Orientierungssinn meiner Mutter zu besitzen, wenn sie sich tatsächlich in ihrem eigenen Sarg verlaufen. Sollte meine Leserschaft diese Variante wählen, dann achten Sie bitte darauf, dass Ihnen nicht aus Versehen ihr Navi in den Sarg rutscht und die untote Oma am Ende doch noch den richtigen Ausgang findet. In Serbien wurde der Mund der Toten zusätzlich noch mit Eisennägeln gefüllt, wohin gegen die Leute aus Pommern oder Bulgarien aus dem Sarg ein Picknick-Korb machten, indem sie Kerzen, Handtücher, Kleingeld, Hostien, rohes Fleisch, Wein sowie Brot hinein gaben. Wirklich durchdacht – das muss ich schon sagen! Ein satter Vampir braucht nichts zum Saugen. Nur die Sache mit dem Kleingeld leuchtet mir nicht ganz ein. Sollte das vielleicht das Kleingeld für den Pizzaboten sein? Wäre ja nett…

Aber bleiben wir mal klassisch. Das Pfählen hat eine gute Tradition und wenn meine Ausführen bei Ihnen für Ernüchterung gesorgt haben sollten, so kann ich Ihnen eine frohe Mitteilung machen: der gute alte Holzpflock tut es immer noch! Allerdings wird er nicht immer durch das Herz getrieben. Als Vampir sollten Sie damit rechnen, dass Ihnen jemand einen Pflock aus Walnuss-Holz in das Herz, den Nabel, die Augen, den Kopf oder den Hintern rammt – auch nicht jedermanns Sache!

Für die Chuck Norris-Fans unter Ihnen gibt es übrigens noch eine außerordentlich gefällige Variante, das verstorbene Familienmitglied vor dem Schicksal zu bewahren, demnächst als Vampir oder Vampöse (wie heißen eigentlich weibliche Vampire??) unterwegs zu sein. Schießen Sie bei der Beerdigung eine Salve Silberkugeln in den Sarg. Allerdings kann dieses Verhalten die anderen Besucher der Beerdigung möglicherweise ein wenig irritieren. Rechnen Sie also nicht unbedingt mit Dankbarkeitsbezeugungen oder Beifall. Die Verwendung von Kleinkalibergewehren statt das einfache Werfen einer Rose in das offene Grab ist gesellschaftlich immer noch nicht enttabuisiert worden, auch wenn Sie den übrigen Anwesenden wahrscheinlich das Leben gerettet haben. Was kann Ihnen schlimmstenfalls passieren? Hausverbot auf dem Friedhof.

Steht der fertige Vampir schon vor Ihnen, dann empfehlen sich die Klassiker wie Kruzifixe, Bibeln oder Gesangbücher. Ist Ihnen diese Variante zu langweilig, so können Sie den Angreifer auch abwehren, indem Sie ihn mit Mohn, Hafer oder Leinsam bewerfen, ihn mit Senf beschmieren, mit feinem Sand überschütten oder ein Fischernetz über ihn werfen. Wer hätte gedacht, dass Käpt´n Iglo in Wahrheit Vampirjäger ist? Als letzte Möglichkeit bleibt meiner geneigten Leserschaft immer noch das Läuten der Kirchenglocken, aber wer führt schon ständig seine Kirchenglocke mit sich?

Wichtigste Regel? Nicht alles so verbissen sehen!
14.3.14 14:17


Heute ist ein trauriger Tag...

Wir trauern um einen großen Schauspieler, Kommödianten, Autor und Künstler:

Herbert Lom (1917 - 2012), bekannt als genial-neurotischer Kommissar Dreyfus aus den "Pink-Panther"-Filmen ist friedlich eingeschlafen.

Ehre seinem Andenken.
28.9.12 12:35


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