Ich sach ma so.....

 

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Am Abgrund der Dummheit

Ich habe, liebe Leser, nie so richtig verstanden, warum Menschen Tagebuch schreiben. Auch wenn man es nicht glauben mag, so passiert in meinem Leben nicht wirklich viel, was es wert wäre, für die Nachwelt erhalten zu bleiben. Der Gedanken, dass in 50 Jahren meine Urenkel sich begeistert auf die Tatsache stürzen, dass ich am 16. Januar 1987 vormittags Blähungen hatte, scheint mir bei aller gebotenen Dramatik nicht wirklich relevant. „Warum also Tagebuch schreiben?“, dachte ich, zumal das tägliche Schreiben sehr mit einer Verpflichtung einhergeht und ich Verpflichtungen über alle Maßen hasse. Dann jedoch geschah in meinem Leben etwas, was an Bedeutung ungefähr auf einem Level mit dem Maya-Kalender steht, sozusagen eine Warnung für die Nachwelt. Gut, es geht zwar nicht um das Ende der Zivilisation, aber zumindest um die Gefährdung einer ganzen Generation, wenn nicht gar des gesamten Intellekts der Menschheit. Aber urteilen Sie selbst, wenn ich Sie nun an meinen Tagebucheinträgen teilhaben lasse:

Montag, 9. Januar 2012: Heute begegnete ich meinem Chef auf der Treppe. Dieser begrüßte mich überschwänglich, lobte meine geschmackvolle Krawatte und wünschte mir einen schönen Tag. Glücklich taumelte ich die nächsten 2 Stockwerke hinab. Schön, dass endlich mal jemand meinen Einsatz und meinen Geschmack meine Kleidung betreffend würdigt.

Mittwoch, 11. Januar 2012: Mein Chef tritt auf mich zu, klopft mir auf die Schulter, um mir gleichzeitig zu sagen, dass man sehr froh darüber ist, mich „an Bord“ zu haben, da man sich schließlich immer auf mich verlassen könne – gerade in besonders heiklen Situation. Das Gefühl der Freude, welches die letzten 2 Tage in meinem Herzelein wohnte, wird schlagartig von Angst – ja, aufkeimender Panik – und von Misstrauen abgelöst. Entweder habe ich eine tödliche Krankheit, von der ich noch nichts weiß oder ich werde auf eine Strafexpedition oder ein Himmelfahrtskommando geschickt, so dass ich mir bald wünschen werde, tödlich erkrankt zu sein.

Donnerstag, 12 Januar 2012: Meine gesamte Umgebung ergeht sich in Lobenshymnen über das kleine Nest Kappeln an der Ostsee, welches neben einer unübersehbaren Lebensqualität auch beste Arbeitsbedingungen für intelligente Menschen mit hübschen Krawatten biete. Meine Panik ist fertig mit Aufkeimen und hat meinen gesamten Körper und Geist ausgefüllt. Ich überlege, eine Voodoo-Zeremonie mit Tieropfer durchzuführen, damit der Schierlingsbecher an mir vorüber geht. Wann ist eigentlich das nächste Mal Vollmond?

Montag, 16. Januar 2012: Ich habe den Vollmond verpasst. Selbst schuld, wenn es mit meiner Karriere bergab geht. Mittlerweile hat der Wolf in der Person meines mir weisungsberechtigten Chefs seinen Schafspelz abgelegt und mir eröffnet, dass ich zukünftig, junge wissbegierige Menschen, „welche im Leben nicht so viel Glück hatten wie wir“, zu unterrichten und auf die Ausbildung vorzubereiten habe. Was geht mich fremder Leute Elend an? Das Leben ist nun mal kein Ponyhof und manche Menschen sind einfach nicht von Fortuna geküsst. Fortuna wird schon wissen warum: am besten sie gewöhnen sich schnell daran und finden sich damit ab. Alles andere wäre doch nur Theater und pure Selbstlüge.

Dienstag, 17 Januar 2012: Mein Chef hat für Theater nicht viel übrig und fände es viel besser, wenn ich junge Menschen an meinem reichen Wissensschatz teilhaben ließe. Meinen skeptischen Blick wischt mein Boss und Führer mit der Bemerkung weg, dass nicht alle dieser ach so wissbegierigen jungen Menschen die extremste Ausprägung des ADHS-Syndroms hätten und im Pausenraum auf dem Tisch immer eine Schale mit Ritalin stehe – natürlich nur für den Notfall. Ich wage den vorsichtigen Einwand, dass ich für eine derartige Klientel nicht ausgebildet bin. Daraufhin zeigt mir Herr Weisungsbefugt kompromittierende Fotos aus meiner Jugend. Herrgott, ich brauchte damals das Geld. Auf nach Kappeln.

Donnerstag, 19. Januar 2012: Bei meiner Ankunft in Kappeln werde ich mit einer herzlichen Umarmung von der Karikatur einer Waldorfschul-Lehrerin begrüßt, welche primär dadurch auffällt, dass sie mehrere Röcke in den harmonierenden Farben orange, lila, rosa und rot trägt, welche sehr gut zu ihren braunen Entenschuhen passen. Die ebenso zahlreichen selbst gestrickten Oberteile in grün und blau bilden einen reizvollen Kontrast. Sie freue sich auf die Zusammenarbeit mit mir, sagt Frau Waldorfschule, denn wer eine so hübsche Krawatte trägt, der kann nur nett sein. Vielen Dank. Dann lerne ich noch ihre Kollegin kennen, welche mit ihrem zackigen russischen Akzent und der strengen Kurzhaarfrisur eher an eine KGB-Verhörspezialistin erinnert als an eine Bildungsbegleiterin. Sie scheint sehr entschlossen, denn sonst hätte sie mir wohl kaum beim Handschlag zwei Finger gebrochen. Man stellt mir ein eigenes Büro zur Verfügung, welches von Schwaden zahlloser Räucherstäbchen durchzogen ist. Ich solle erst einmal ankommen und mich in meinem „neuen Zuhause einrichten“, heißt es. So ähnlich muss sich Oliver Twist gefühlt haben, als er in das Waisenhaus einzog. Das Ganze riecht sehr nach griechischer Tragödie.

Freitag, 20. Januar 2012: Ich lerne meine „Schüler“ kennen und bin zunächst einmal positiv überrascht, dass die überwiegende Zahl offenbar den aufrechten Gang beherrscht und sich nicht von rohem Fleisch oder Insekten ernährt. Ich fasse Hoffnung. Vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm.

Montag, 23. Januar 2012: Es wird doch schlimm. Nachdem ich das morgendliche Gruppenknuddeln der anwesenden Lehrkräfte überstanden habe, betrete ich den Klassenraum mit einem Gefühl, dass am ehesten einem Löwendompteur gleicht, welcher ohne Peitsche und nur mit einigen rohen Filetsteaks bekleidet einen überfüllten Löwenkäfig betritt. Ich blicke in Gesichter, in welchen sich die dringenden Fragen widerspiegeln, ob die Erde tatsächlich rund ist und wie man allein aufs Klo geht. Neun Raubtiere darf ich mein nennen: sieben Jungs und zwei Mädchen, welche ich im Rahmen einer berufsvorbereitenden Maßnahme zu halbwegs lebensfähigen Angehörigen der menschlichen Rasse umerziehen darf. Bei einigen männlichen Probanten ist deutlich zu sehen, dass Mutti und Vati während der Schwangerschaft nicht auf die täglichen 8 Liter Bier und Korn verzichten wollten, was durch die Namen „Marvin“ und „Dennis“ noch vertieft wird. Kretinismus ist eine grausame Sache, besonders wenn sie gruppenweise auftritt. Eines der Mädchen mit Namen Jaqueline erinnert mit ihrem rosigen Teint, ihrem ausdruckslosen Gesicht und ihrer nahezu konturlosen Figur an eine große Fleischwurst, während das andere Mädchen ein Grinsen zeigt, welches durchaus auch einem Amokläufer gehören könnte, der soeben die Feinplanung seiner Mission abgeschlossen hat. Da sitzen sie: das Herz voller Frohsinn, das Hirn voller Leere und ich muss mit ihnen in einem Raum sein. Hoffentlich ist Dummheit nicht ansteckend.

Mittwoch, 24. Januar 2012: Ich hatte heute Nacht einen grässlichen Albtraum. Ich sollte einen IQ-Test absolvieren, scheiterte jedoch leider schon beim Eintragen meines Namens, da ich plötzlich nicht mehr wusste, wie man einen Kugelschreiber richtig hält. Als ich dann auch noch feststellte, dass ich im Traum Kevin hieß, wollte ich meinem Leben ein Ende setzen, doch leider hielt ich die Pistole falsch herum und erschoss den Pastor, welchen man mir zur Erbauung an die Seite gestellt hatte. Seine gestrickten rosafarbenen Oberteile sogen sich mit dem Rot seines Blutes voll . Ich glaube, sein Name war Walter Aldorf. Dann hatte das Schicksal ein Einsehen mit mir und ließ mich schreiend aufwachen. Da meine Schüler intellektuell auf dem Niveau von Tiefkühlgemüse stehen, legen wir heute eine kleine Bastelstunde ein (natürlich ohne scharfes Werkzeug). Wir basteln kleine Grußkarten an die Muttis (für diejenigen, welche ihre Mutter kennen. Nach Vätern frage ich gar nicht erst). Zu diesem Zweck habe ich farbiges Papier und Zackenscheren mitgebracht. Meine Waldorf-Kollegin findet die Idee „supi-klasse“ und prophezeit mir sogar Aufmerksamkeitsspannen von zwanzig bis dreißig Minuten. Da kann man mal sehen, wie weltfremd diese weichgespülten Baumkuschler sind.
Das Werken beginnt damit, dass zwei Teilnehmer aus dem bunten Papier Flugzeuge falten, wobei sie ständig versuchen, die Arbeit des Anderen zu zerstören. Lasst das doch Kinder! Das Leben wird Euch schon genug Steine in den Weg legen – wenn es überhaupt zu Euch kommt. Hinter meinem Rücken hat ein Teilnehmer soeben versucht, hinter die Tafel zu steigen und ist hoffnungslos zwischen Halterung und Wand eingeklemmt, ein anderer bearbeitet die Vorhänge mit der Zackenschere und Jaqueline glotzt sich weiterhin teilnahmslos durch die viel zu schnell voranschreitende Evolution. Die Grinsekatze hängt ständig an meinem Arm und fragt mich, wie man das Wort „Mutti“ schreibt. Wenn man mal überlegt, ist Chinas Ein-Kind-Politik gar nicht so schlecht und sogar noch ausbaufähig in eine Null-Kind-Politik. Völker mit einer so alten Kultur können nicht falsch liegen.

Freitag, 26. Januar 2012: Mein Musikgeschmack beginnt sich zu wandeln. Ich höre jetzt morgens im Auto „Slayer“ und muss verwundert feststellen, dass die maximale Lautstärke des Radios immer noch recht unbefriedigend ist. Meine kirchentagsgestählte Niederlassungsleiterin Andrea ergeht sich in Lobeshymnen über mich und meine Unterrichtsmethoden. Diese aufkeimenden jungen Menschen hätten mich schon so sehr in ihre kleinen unnötigerweise schlagenden Herzen geschlossen, dass sie nach dem letzten Unterricht nur zwei Reifen an meinem Wagen zerstochen haben und nicht - wie sonst - alle vier. Außerdem haben sie meine Bremsen nicht manipuliert, was allerdings nur daran liegt, dass sie mit der komplexen Bedienung eines Bolzenschneiders gnadenlos überfordert sind. Was das Aufkeimen angeht, so erinnere ich mich, dass giftiges Unkraut besonders schnell und heftig aufkeimt. Das wird kein Zufall sein.

Montag, 29. Januar 2012: Ich ertappe mich dabei, wie ich meine Fahrgeschwindigkeit auf meinem Arbeitsweg erhöhe. Hundert km/h sind wirklich viel zu langsam. Richtig interessant wird es doch erst ab einem Tempo von hundertsechzig km/h. Wenn Sie dann noch im Überholvorgang einfach mal die Augen schließen, spüren Sie wieder dieses Prickeln, welches Ihnen zeigt, dass sie noch am Leben sind. Leider. Heute eröffnen mir Batik-Andrea (meine Waldorf-Vorgesetzte) und KGB-Olga (in Wahrheit heißt sie Beate, was mir aber zu human klingt), dass die lieben Kleinen sich ja auch in zahlreichen praktischen Gewerken versuchen sollen wie zum Beispiel in der Holzwerkstatt und ich natürlich die besondere Ehre habe, sie dort zu beaufsichtigen. Die Schüssel mit den Ritalin-Kapseln habe ich schon vor der ersten Kaffeepause leer gemacht, doch die schönen bunten Farben, welcher ich dann ansichtig werde, verblassen leider immer schneller.

Mittwoch, 01. Februar 2012: Meine Freundin hat beim morgendlichen Kuscheln vier graue Haare in meiner Brustbehaarung entdeckt. Sie harmonieren allerdings perfekt mit meinem mittlerweile komplett ergrauten Haupthaar, was allerdings kaum auffällt, da ich die Anzahl meiner Resthaare auf dem Kopf ohnehin an einer Hand abzählen kann. Im Auto schnalle ich mich nicht mehr an – warum auch? Die nachträglich einbauten Boxen in meinem Wagen sorgen für eine originalgetreue Wiedergabe meiner neuen „Deathmetal“-CD. Nur das Zucken in meinem linken Auge stört mich ein wenig. Heute begleite ich meine Schäfchen in die Holzwerkstatt, damit sie sehen, was ihnen die Evolution noch alles vorenthält. Ein erstes intellektuelles Duell mit einem Holzbalken verlieren sie, da der Balken die Grundrechenarten beherrscht. Wer hat eigentlich veranlasst, dass diese Lebensazubis Werkzeug in die Hand bekommen sollen? Vermutlich der Gleiche, der auch Tschernobyl ausgelöst hat.

Donnerstag, 02. Februar 2012: Ich habe meine morgendliche Zigarette gegen einen morgendlichen Joint eingetauscht und darf erfreut feststellen, dass Ruhe, Ausgeglichenheit und Frohsinn wieder in mein Leben getreten sind. Besonders nach der zweite Dose Bacardi-Cola im Auto. Beim Betreten der Holzwerkstatt fühle ich trotzdem ein leichtes Unwohlsein, was damit zu tun haben könnte, dass meine Beine ihren Dienst versagen. Stellen Sie sich bitte vor, sie wären in einem Raum gefangen mit einer übellaunigen Affenhorde, welche alle frisch geschärfte Rasiermesser mit sich führen. Sie hingegen haben zur Verteidigung nur eine Pfefferminz-Zuckerstange zur Hand. Allerdings haben sich nicht alle meine Befürchtungen bewahrheitet. Sie sind nicht auf mich losgegangen, sondern bleiben unter sich. Marvin hat sich in einem missverstandenen Akt der Selbstverwirklichung mit Holzleim ein Brett ans Ohr geklebt und seinen IQ damit verdoppelt. Meine erste Intention, ihm das Brett ruckartig vom Kopf zu reißen und möglicherweise für eine wohltuende Lüftung seines Gehirns zu sorgen, wird von meiner zugehäkelten Chefin zunichte gemacht, welche mit einem Lösungsmittel sein Ohr einpinseln und somit das Brett schmerzfrei entfernen möchte. Um Marvin doch noch ein wenig wehtun zu können, lasse ich ein Stückchen Ohr-Holz-Verbindung bestehen und reiße dann das gesamte Brett ruckartig ab. Das sollte zumindest einen kleinen erzieherischen Effekt haben. Als Marvin nicht mehr schreit, nimmt er die Möglichkeit wahr, sein eigenes Stück Ohr gründlich zu untersuchen. Wer kann das schon? Er darf das Stück Holz als Briefbeschwerer mit nach Hause nehmen und seiner Betreuerin schenken. Ich erwäge den Einsatz von Propofol. Hat jemand die Privatnummer von Dr. Conrad Murray?

Montag, 06. Februar 2012: Das Zucken meines linken Auges wird so schlimm, dass ich nach und nach mein räumliches Sehen verliere. Ich erwäge den Ankauf einer Schnabeltasse, da durch das Zittern meiner Hände ungefähr siebzig Prozent meines Kaffees auf meiner Hose landen. Wäre mein Schmerzempfinden noch funktionstüchtig, wäre mir das sicherlich unangenehm. Im Büro treffe ich meinen Vorgesetzten, welcher mich auf das Herzlichste begrüßt und mir mit folgenden Worten launig auf die Schulter klopft: „Na, über Sie hört man ja auch nur Gutes. Ihre Maßnahmeleiterin glaubt, dass sie der perfekte Mann dafür sind und die Kinder scheinen sie zu lieben. Weiter so!“. Meine Maßnahmeleiterin glaubt auch, dass man sämtliche Probleme dieser Welt mit einer herzlichen Umarmung und einer Tasse Tee lösen könne – was ist schon die Meinung dieser farbenblinden „Du-Aufzwingerin“ wert? Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich auf meinen Chef stürzen und ihm mit einem rostigen Eierlöffel die Hodensäcke ausschaben. Nur ganz knapp schaffe ich es, diesem Impuls nicht nachzugehen und begnüge mich damit, ihn laut anzuknurren. Ich habe mir die Biografie der beiden Amokläufer der „Columbine Highschool“ besorgt und darf feststellen, dass wir drei Brüder im Geiste sind. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.

Dienstag, 07. Februar 2012: Abermals bin ich mit meinen Lebens-Azubis in der Holzwerkstatt. Marvins Ohr ist von einer roten Blutkruste bedeckt. Die von mir erhoffte erzieherische Wirkung bleibt leider aus, da sich an diesem Tag drei weitere Schüler ein Brett ans Ohr kleben – einer von ihnen ist besagter Marvin, der natürlich dieses Mal das andere Ohr nimmt. Ich erkenne daran die Fähigkeit, zumindest einfachste logische Zusammenhänge zu erfassen, was mich überrascht. Den übrigen Teilnehmern drücke ich Profi-Tacker in die Hand und fordere sie auf, die Funktion durch Ausprobieren zu ergründen. Was haben wir an diesem Tag gelernt? Eine Schädeldecke ist nicht so stabil, wie mancher vielleicht denkt und der Notarztwagen benötigt vier Minuten dreißig Sekunden bis zu uns. Morgen gehen wir an die Kreissäge, um zu beweisen, dass zehn Finger überflüssiger Luxus sind.

Donnerstag, 09. Februar 2012: Um drei Uhr früh weckt mich meine bedauernswerte Lebenspartnerin, da ich schlafend in der Garage stehe und unter lautem Brummen imaginäre Holzbretter an einer imaginären Kreissäge zurecht säge. Mein Sprachzentrum verkümmert zusehends und ich verwende fast ausschließlich die Worte „Alter“, „voll“, „total“ und „irgendwie so“. Aus meinem „ch“ ist schon lange ein „sch“ geworden. Außerdem kann ich mich immer mehr für die Musik von Bushido begeistern. Wer behauptet, Schwachsinn sei nicht ansteckend, der irrt sich gewaltig.
Heute steht Deutschunterricht auf dem Lehrplan, dessen Umsetzung allerdings an der Tatsache scheitert, dass die meisten meiner Schutzbefohlenen sich nur mittels 3-Wort-Sätzen und Grunzlauten verständlich machen können. Schon mal versucht, ein totes Pferd mit Heu zu füttern? Ich wage dennoch einen zaghaften Versuch: jeder soll fünf Minuten lang ein Hobby von sich vorstellen. Dafür haben sie zwanzig Minuten Vorbereitungszeit, was allerdings nicht von Belang ist, da sowieso keiner von ihnen die Uhr lesen kann und auch ich entdecke für mich die Notwendigkeit, auf Digital-Zeitmesser umzustellen. Waldorf-Andrea findet meinen Gedanken überaus innovativ. Quatsch „innovativ“ – es ist nur die pure Verzweiflung.
Die Präsentation der Arbeitsaufträge fällt sehr kurz aus, da ein Drittel der Schüler keinen Stift dabei hat und ein weiteres Drittel nur eine Freizeitbeschäftigung hat, welche sie jedoch vollkommen ausfüllt und fordert: beim Laufen nicht umzufallen. Jaqueline beobachtet gern Schnecken im Garten. Wenn die Biester nur nicht immer so verdammt schnell wären! Meine andere dauergrinsende Schülerin hängt die ganze Zeit an meinem Arm und fragt mich, ob „Atmen“ ein Hobby ist. Nein, mein Kind – in deinem Fall ist es unnötig und pure Verschwendung. Parallel versuche ich, meinen Lebensstandard auf Hartz 4-Niveau runterzukloppen. Wer braucht schon Arbeit, um sich selbst zu verwirklichen.

Freitag, 10. Februar 2012: Heute Nacht habe ich die Bremsschläuche am Auto meines Chefs durchtrennt und fühle mich irgendwie seltsam frei. Das wird diesen impotenten Wurzelzwerg lehren, in der Evolution herumzuwurschteln. Auf dem Weg zur Arbeit überlege ich, einen Verein zur Förderung einer strengeren Geburtenkontrolle oder einen Anders-Breivik-Fanklub zu gründen. Mal sehen. Ich muss mich daran gewöhnen, dass das Valium meinen Gedankenfluss ein wenig bremst, was nicht unsympathisch ist. Im Klassenraum herrscht eine rege Diskussion darüber, welches I-Phone denn nun das Beste sei. Ich verspüre den dringenden Wunsch, meinen Kopf rhythmisch auf die Tischplatte zu schlagen. Meine Freundin ist wieder zu ihren Eltern gezogen, da sie es nicht ertragen kann, dass ich Nacht für Nacht im Schlaf versuche, sie zu erwürgen.

Montag, 13. Februar 2012: Mein geistiger Verfall ist nicht mehr aufzuhalten. Ich habe heute Morgen versehentlich das Haus ohne Hose verlassen und es erst in der Mittagspause bemerkt, als ich mir den Kaffee in den Schoß gekippt habe. Egal. Momentan trainiere ich gerade, jede Hirnfunktion zu unterbinden und bin schon erfreulich weit gekommen. Perfektion braucht eben seine Zeit. KGB-Beate verwechselt mich mit ihrem Großvater und Kuschel-Andrea macht den tollen Vorschlag, etwas mit den lieben Kleinen zu spielen. Warum nicht? Ich kenne da ein überaus geeignetes Spiel: es heißt „Wie entferne ich mit einem Taschenmesser die Isolierung eines Starkstromkabels?“. Dieser Vorschlag wird zugunsten des klassischen „Mensch ärgere Dich nicht“ verworfen, was allerdings daran scheitert, dass die kleinen Schwachköpfe nicht bis sechs zählen können. Dunkle Visionen der sieben apokalyptischen Reiter plagen mich, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob es wirklich sieben sind. Was kam noch mal nach vier?

Mittwoch, 15. Februar 2012: Ich habe es geschafft! Mein Leiden hat ein Ende! Als ich heute Morgen versucht habe, meiner achtundsiebzig Jahre alten Nachbarin ihren Briefkasten an den Kopf zu kleben, hat man endlich gehandelt. Zwei zauberhafte Herren, welche in ihren blütenweißen Uniformen wie Engel aussehen und sehr, sehr nett sind, haben mich zu einem ebenso zauberhaften Notarztwagen eskortiert, wobei man mir links und rechts Geleitschutz gab, um aufzupassen, dass ich mich nicht verlaufe oder mir gar etwas zustößt. Von wegen „Servicewüste Deutschland“! Die anderen Patienten sind ausnahmslos sympathische und intelligente Zeitgenossen und auch die gepolsterten Wände sorgen für eine nachhaltige Wohlfühlatmosphäre. Die Medikamente schmecken prima und mit Hannibal Lector habe ich schon angefreundet. Der Arzt meint, in fünf bis sechs Jahren könne man über eine Lockerung des Vollzuges nachdenken, was doch eine sehr schöne Aussicht ist. Ich darf alle zwei Wochen Gäste empfangen und mit diesen durch eine Glasscheibe sprechen, nachdem ich versucht hatte, meinem Arbeitgeber bei einem Besuch in den Kopf zu beißen und sein Gehirn auszusaugen. Es ist bedauerlich, dass die Menschen heutzutage kaum noch Nähe zulassen wollen. Ansonsten spiele ich mit meinen Bauklötzen und spreche viel mit der Sonne, der Wand oder meinem Freund Harvey – alle ausnahmslos lieb und zauberhaft. An meine Schüler denke ich auch manchmal – besonders während der Aggressionstherapie. Von Andrea erhielt ich eine gehäkelte Genesungskarte, auf der alle Teilnehmer ihr Kreuz gemacht haben. Zu lieb! Ich werde Euch vermissen – besonders in meinen Gewaltphantasien.
19.7.12 15:13


Versuch eines kleinen Tabu-Bruchs

Es ist, liebe Leser, nicht das erste Mal, dass ich selbst eines meiner Tabus breche, und wenn ich ehrlich bin, setze ich mir selbst nur Regeln und Grenzen, um sie zu brechen und überschreiten. Das gibt mir diesen verwegenen Touch eines literarischen Outlaws; man könnte geradezu sagen, ich bin der Robin Hood der Schreibmaschine. Das ist eine prickelnde Erfahrung für jemanden, dessen Persönlichkeit ansonsten so farbenfroh ist wie das Bild eines 50ger-Jahre-Fernsehers. Es ist viel mehr: es ist das Salz in der Suppe meines tristen Daseins und manchmal erwische ich mich nachts dabei, wie meine Lippen kaum hörbar das Wort „Ficken“ formen. Ich bin schon so ein kleiner Revoluzzer.

Jetzt fragen Sie sich natürlich zu Recht, worin denn mein ach so böser Tabubruch besteht? Nun, mein seliger Vater pflegte stets zu sagen „Wenn Du Dich jemals in Gesellschaft äußerst, dann vermeide die Themen „Kirche“ und „Politik“. Das gibt nur Ärger.“. Nun kann mir mein Herr Erzeuger schon seit einigen Jahren aufgrund einer letal begründeten Teilnahmslosigkeit nicht mehr in mein Leben quatschen und außerdem habe ich das erste Tabu (nämlich mich über die Kirche zu äußern) schon vor Jahren gebrochen – schauen Sie nur auf die erste Story dieses Blogs. Obwohl ich mich satirisch kaum zurückgehalten habe, habe ich bis auf die kleinen Gebrechen eines Mannes in meinem doch recht fortgeschrittenen Alter bisher keine Nachteile von göttlicher Seite verspürt. Ist also alles nicht so schlimm.

Nun habe ich vor, das zweite Tabu zu brechen, da die momentane politische Lage und besonders die putzigen kleinen Figuren auf der politischen Bühne unseres Landes geradezu danach schreien, satirisch und respektlos kommentiert zu werden. Außerdem fällt mir nichts anderes ein. Wo beginnen wir? Natürlich mit der Wahl in Schleswig-Holstein, meinem Heimatland, und auch wenn ich seit Jahren ausschließlich ein Wahllokal betrete, um meinen Wahlzettel ungültig zu machen, so darf ich mir doch eine Meinung bilden. Außerdem kann ich – egal was passiert – immer sagen „Ich habe diese Schwachköpfe nicht gewählt!“. Selbstlügen sind etwas Tolles.

Allerdings wird diese Geschichte nicht nur eine Abrechnung mit der aktuellen politischen Landschaft, nein, sie ist vielmehr ein historisches Dokument, welches kommenden Generationen ein gutes Bild über den Zustand einer Partei geben darf, an welche man sich in fünf bis zehn Jahren nicht mehr erinnern wird. Schon jetzt zeichnet sich bei einem nicht gerade kleinen Teil unserer Bevölkerung bei den Buchstaben „FDP“ ein fragender Gesichtsausdruck ab. Das die meisten Deutschen die „Piratenpartei“ immer noch für eine radikale Splittergruppe der christlichen Pfadfinder halten, ist durchaus nachzuvollziehen. Eine Partei, welche entweder keine Meinung zu Themen hat oder die Führungsriege zu anderen Bereichen Ansichten vertritt, welche sich gegenseitig ausschließen, wird von der Öffentlichkeit nicht gerade als Einheit wahrgenommen – eher als ein Haufen, welcher zufällig die gleichen T-Shirts trägt. Dabei gab es die FDP einmal und sie verband so großartig klingende Namen wie Genscher und äh….und äh…und….na ja, Genscher eben und bestimmt noch ein paar andere, welche mir nur gerade nicht einfallen wollen. Was wurde also aus der einstmals so stolzen Gruppe Gleichgesinnter mit edlen Motiven? Wir wollen doch nicht vergessen, wer die Wahl in Schleswig-Holstein gewonnen hat: es war nicht die FDP, es war Wolfgang Kubicki. In NRW verhält es sich ähnlich. Auch dort war der hohe Prozentsatz der Verdienst des einstmaligen Königsmörders Lindner. Man fragt sich momentan, was schlimmer ist: eine Partei ohne Konzept und Inhalte oder ein Parteichef ohne Rückgrat und Profil. Ja, er wirkt eher wie ein kleiner Flüchtlingsjunge des Vietnamkrieges und kann allerhöchstens mit seinem knuddeligen Äußeren noch Mitleid erzeugen. Philipp Rösler ist zu einer politischen Wanderhure geworden, der jedem in den Hintern kriecht, welcher auf der Beliebtheitsskala vor ihm liegt (was auf so ziemlich jeden zutrifft). Vorbei und vergessen sind die bösen und überheblichen Kommentare gegen die einstigen Gegenspieler Kubicki und Lindner. Rösler hatte es sogar geschafft, dem nordischen Revoluzzer das „du“ aufzunötigen, was dieser mit ebenso sauertöpfischer wie angewiderter Miene verkündete. All die politischen Wunderknaben, welche Rösler als große Retter präsentierte sind ebenso im tiefen und dunklen Tal der Bedeutungslosigkeit verschwunden wie es auch der Parteivorsitzende tun wird. Wie sieht also die berufliche Zukunft des PR aus? Es gibt erste viel versprechende Angebote vom Zirkus Krone und Barum, welche den FDP-Mann gern als Schlangenmenschen präsentieren möchten. Ohne Rückgrat kann er seinen Oberkörper um dreihundertsechzig Grad drehen, ohne seinen Unterbau bemühen zu müssen und auch das Durchmogeln und Verbiegen beherrscht unser Philipp doch bestens! Wer durch das Arschloch eines „Parteifreundes“ gleiten kann wie ein Octopus, den hält wirklich nichts mehr auf! Und sollte es wirklich einmal eng werden, so verfügt Herr Rösler über bestens trainierte Schleimdrüsen, um die ihn jeder Aal beneiden dürfte.
Momentan lässt ihn seine Mediengeilheit all das tun, was ein Politiker mit Anstand und Ehre schon längst nicht tun würde: sich für ein bisschen Sendezeit im Fernsehen zu prostituieren. Nein, es ist nicht zum Ansehen und nicht zum Anhören. Zumindest in dieser Phase nicht. Aber ich verfolge regelmäßig die politischen Debatten auf „Phoenix“, denn lange kann es nicht mehr dauern, bis Herrn Rösler die letzten dümmlichen Kommentare ausgehen und dann kann man auf Zaubertricks und Kartenkunststückchen hoffen. Das wäre doch zu nett! Mit ein bisschen Übung wäre es ihm vielleicht sogar möglich, einen Wasserball auf der Nase zu balancieren – den Fisch zur Belohnung würde ich spendieren. Auch eine Clownsnummer wäre denkbar, denn schließlich weiß niemand besser als Rösler, wie man sich zum Deppen macht. Wir dürfen uns also auf die Entwicklungen in naher Zukunft freuen. Es wird sehenswert werden.

Allerdings ist zu hoffen, dass Herr Rösler diese seine letzte Chance ergreift, denn ansonsten kann er höchstens Jürgen Möllemann politisch beerben. Es fragt sich allerdings, wer am Ende härter aufgeschlagen ist.
27.6.12 07:31


Lorenzo Lamas gegen meinen Verstand

Normalerweise wehre ich mich ja vehement dagegen, Werbung in meinen Geschichten zu machen, aber Sie, liebe Leser, wissen um die Generalentschuldigung aller Inkonsequenten „Regeln sind dafür da, gebrochen zu werden“. Na gut.
Die Älteren unter Ihnen, welche in den 80er Jahren schon auf das richtige Videoformat gesetzt hatten und sich nicht einen schweineteuren „Video 2000“-Recorder haben aufschwatzen lassen, werden sich eventuell noch an Lorenzo Lamas erinnern. Na, klingelt es? Lorenzo Lamas war der sexuelle Vorläufer einer ganzen Generation von Schmacht-Latinos wie Antonio Banderas, Enrique Inglesias oder Benicio del Toro, sozusagen der Prototyp des Latin Lovers. Er hatte ein beeindruckendes anabolika-designtes Kinn und einen noch beeindruckenderen stahlharten männlichen Blick, so dass alle anwesenden Damen beim In-Ohnmacht-Fallen weich auf einem riesigen Berg von Testosteron landeten. Der Lorenzo nahm sie dann eventuell sogar in seine kräftigen schwarz behaarten Arme, wenn er dafür Geld bekam und schüttelte sein glänzend schwarzes zum strengen Zopf gebundenes Haupthaar. Er sah immer aus wie aus dem Ei gepellt, hatte nur Falten an Stellen, die vertraglich festgelegt waren, wobei ansonsten sein Haargummi das facelifting übernahm. Ja, so war das früher.
Wissen Sie, was aus ihm wurde? Ich hatte irgendwie im Gedächtnis, gelesen zu haben, dass Lamas irgendwann in einem übel beleumundeten Fitnessstudio an einer Überdosis Eiweissdrinks eingegangen war oder vielleicht hatte er doch irgendwann sein coming-out und lebt heute als übergewichtiger golfspielender Rentner in Florida, aber nichts von alledem ist war. Er macht immer noch Filme, der Lorenzo Lamas!
Sein neuestes Meisterwerk trägt den Titel „Mega Shark vs. Giant Octopus“ oder so ähnlich und ist – wie der Titel schon verrät – eine literarische Hommage an Henrik Ibsen.
Na gut, jetzt habe ich ein bißchen geschwindelt, aber es kommt dem sehr nah. „Mega Sahrk vs. Giant Octopus“ ist die Persiflage eines Actionfilmes mit Horroranteil und fand in unserer Videothek in die Hand meiner Freundin. Das Cover war gar nicht mal so übel gestaltet und als ich den Namen Lorenzo Lamas entdeckte, überkam mich ein nostalgischer Schauer. Meine Süße konnte mit diesem Namen nicht besonders viel anfangen (sie ist Baujahr´81), doch da der Hauptdarsteller nach meiner Vorstellung bereits die 70 Jahre überschritten haben mußte, drohte mir von der Seite keine Gefahr (gegen einen 70jährigen sehe ich recht knackig aus).
Was wir dort in Händen hielten, war ein Kleinod der „Goldenen Himbeere“, ein Beispiel für einen vergeigten Low-Budget-Film, der allerdings so übel war, dass man ihn gesehen haben muss. Bei gleichzeitiger Einnahme von psychotrophen Substanzen war der eine oder andere Lachflash fast schon garantiert. Aber sowas machen wir natürlich nicht und liebe Kinder: Drogen sind schlecht und führen immer in den unvermeidlichen Abgrund. Schaut Euch mal den Lorenzo an. Der hat seinem Fitneßtrainer den Traubenzucker weggesnifft und muss zur Strafe nun in Filmimitationen auftreten. Und das wollt Ihr doch bestimmt nicht, oder?
Aber zurück zu den Mega-Sharks und Giant Octopussen (oder Octopussis ?): die erste Szene spielte offenbar in einem Miniunterseeboot, welches unter der Patenschaft des LEGO-Konzerns aus Dänemark geschaffen wurde. Allerdings mag es auch sein, dass ein Teil der Bordelektronik von Playmobil stammt – so genau war das nicht zu erkennen, da der Chefbeleuchter sein altes Stroposkop zum Einsatz brachte. Die Kameraführung hatte man offenbar Michael J. Fox in die Hand gegeben, denn das Bild war so verwackelt, dass es schwer war, die Zahl der anwesenden Personen festzulegen. Die Schätzungen schwankten so zwischen 2 und 32. Es waren tatsächlich nur 2 Hauptdarsteller, doch der „Bordelektroniker“, den man auf die Marke „alterndes, saufendes, runtergekommen-adipöses Genie“ getrimmt hatte, welches man ungern anfasst, aber doch irgendwie lieb hat, hatte ein Hawaii-Hemd in der Größe einer Faltgarage für Reisebusse an. Die Kommandantin des U-Bootes war eine aufgebrezelte Blondine, deren Brüste eher aussahen wie ihre beiden Zwillingsschwestern. Die Gute hatte offenbar einen lukrativen Deal mit einer Silikon-Firma abgeschlossen, welche ihren Oberkörper als Großlager nutzen durfte. Besagte Blondine saß in einem Bikini am Joystick des Unterseebootes und zitierte hin und wieder aus dem „Was ist was“-Buch „Meere dieser Erde“. Sie war also eine Wissenschaftlerin. Aha. Die nächste Kameraeinstellung zeigte das reinigungsbedürftige Aquarium des Regisseurs, in welchem sich ein Octopus und ein Hai in der Größe eines kleinen Supermarktes aus dem ewigen Eis befreiten. Zwischendurch hatte Frau Dr. Riesenmöpse offenbar den „Was ist was“-Band „Fische“ ausgebuddelt und erklärt dem staunenden Publikum, dass es sich bei dem Octopus und dem Hai um urzeitliche Viecher handelt, welche in einem erbitterten Kampf auf Leben und Tod von der hereinbrechenden Eiszeit überrascht und mitten in der schönsten Keilerei eingefroren wurden. Und ich Idiot habe immer gedacht, so eine Eiszeit kündigt sich über mehrere hundert Jahre an. Nein, es muss viel mehr so sein, dass man eine Kälteperiode ein- und ausknipsen kann wie einen Gefrierschrank mit Schockfrost-automatik. Auf jeden Fall hat unser Bikini-Herzchen aus Unkenntnis beide Kampfhähne aufgetaut und nun haben wir den Salat. Sharky und sein vielarmigen Freund haben kein Interesse mehr aneinander, sondern wollen vor dem nächsten Frost lieber ein paar Metropolen der Erde platt machen. Eine ganz schön vergnügungssüchtige Bande, das muss ich schon sagen.
Als nächstes finden unsere Wissenschaftlerin und ihr väterlicher Freund an den umliegenden Stränden einige Meeresräuber, welche ihrerseits Opfer unserer beiden Freunde wurden. Die angeschwemmten Tiere hat der 12jährige Sohn der Garderobenfrau aus einer Wagenladung Fimo geknetet und man kann nur hoffen, dass dieses nicht sein einziges Talent ist. Riesentitte schaut betroffen und ergeht sich in düsteren Visionen über den Fortbestand der Menschheit und ihres Schönheitschirurgen, welchen der deutsche Zuschauer allerdings nur sehr begrenzt folgen kann, da die Synchronsprecherin unter einer Leseschwäche leidet, was dem Fluss ihrer Erzählung leichten Abbruch tut. Inzwischen hat der Regisseur bei der Künstleragentur den asiatischen Hausmeister abgeworden, der aufgrund seines Kittels fast ein bißchen wie ein Wissenschaftler aussieht und sich als einziger nicht übergeben mußte, als er die ersten Szenen des Filmes sah. Wir wissen, die Chinesen sind leidensfähig und wer jemals die ersten Godzilla-Filme gesehen hat, der weiß, dass die asiatische Filmkunst bis letzte Woche selbst noch in den Kinderschuhen steckte. Auf jeden Fall hat unser zweiter Hauptdarsteller – wir nennen ihn mal Ling-Fu – mittlerweile an der anderen Seite der Erde ebenfalls das Problem erkannt und nimmt per Videotelefon Kontakt zu unserer „Was ist was“-Leserin auf. Als Labor muss ihm dafür ein Chemiesaal einer ostdeutschen Grundschule reichen, da wir hin und wieder Kinder durchs Bild schleichen sehen und ich der festen Meinung bin, im Hintergrund ein Bild von Erich Honnecker gesehen zu haben. Das macht aber nichts, denn er springt ohnehin in die nächste Linienmaschine, um näher am Geschehen zu sein. In der Zwischenzeit hat sich unsere junge Heldin als extrem tough herausgestellt, da sie in einer Szene Bier aus einer Flasche trinken muss (das symbolisiert die Volksnähe) und wir in einer rührigen Szene erfahren, dass die gar nicht immer das junge erfolgreiche Schlauköpfchen war, sondern auch schon ganz ganz böse Zeiten erlebt hat. Aber das ist nun vorbei und so genießen sie und ihre wissenschaftlicher Ziehvater einen Sonnenuntergang neben einem zerfleischten Wal, was den alten Sack nicht davon abhält, ihren Hintern zu befummeln, den er vorher mit der Walschnauze verwechselt hat. Giant Octopus und Mega Shark haben sich kurzzeitig getrennt, um das Terrain zu sondieren. Der Hai hat allen naturwissenschaftlichen Gesetzen zum Trotz eine Boing 737 im Landeanflug vom Himmel geholt, was sich niemand erklären kann, denn soweit man weiß, gehören Flugzeuge nur in Ausnahmefällen auf den Speiseplan von Meeressäugern. Der grauenhafte Angriff ist optisch natürlich per Computer aufgepeppt worden und hat nun fast die Qualität eines schlechten Sex-Hotline-Werbespots auf „Neun live“.
Die Zeit drängt also, denn lange kann man die Flugzeuge der Erde nicht mehr in der Luft halten und Möpschen muss demnächst wieder zum Silikonnachfüllen. Somit stößt die Marine auf unsere Meeres-Wissenschaftler und da kommt er endlich: Lorenzo ist da! Immer noch stark, immer noch männlich, immer noch mit Zopf. Dass sein betont maskulin klingender Synchronsprecher ein wenig lispelt, stört dabei kaum, da alle Anwesenden wissen, dass Lorenzo auch seiner Zunge ein knallhartes Fitneßtraining aufgebürdet hat. Sie wird es noch brauchen. Lorenzo hat die Rolle des kantigen rassistischen Arschloches übernommen, der eigentlich den ganzen Film damit verbringt, Feuerbefehle zu geben, coole Sprüche abzulassen und männlich zu schauen. Denken ist nicht seine Stärke, was dazu führte, dass er bei der US-Marine einen leitenden Posten ergattern konnte. Sollte die Schmonzette am Ende eine gesellschaftskritische Satire von Michael Moore sein? Ich kann diese Möglichkeit nicht ausschließen, jedoch auch keine weiteren Gedanken daran verschwenden, denn auf dem Bildschirm überschlagen sich die Ereignisse. Wir befinden uns dem U-Boot von Lorenzo Schmalzzopf, welches eine erschreckende Ähnlichkeit mit der Schließfachsektion eines deutschen Hauptbahnhofes hat. Dort hineingestellt wurden einige ausrangierte Haushaltsgeräte, so dass der Kommandant nach einem kritischen Blick in eine defekte Waschmaschine verkündet, dass der Mega Shark leider auf dem Echolot nicht mehr zu finden ist. Der Bühnenbildner gehört gevierteilt!
Unser Ling-Fu ist zu diesem Zeitpunkt davon abgekommen, weise Konfuziussprüche aus Glückskeksen zu zitieren, untersucht allerdings auch nicht mehr das Phänomen der gigantischen Meereskumpels. Er untersucht dafür lieber andere große Dinge an der US-Wissenschaftlerin, welche dabei auf die grandiose Idee kommt, Sharky und Bernd (so habe ich mittlerweile den Octopus getauft) per Sexlockstoff in die Falle zu locken. Zum ersten Mal in diesem Film habe ich das Gefühl, dass diese Dame über etwas redet, wovon sie etwas versteht.
Bernd hat sich mittlerweile auch negativ in Szene gesetzt, denn er hat im Gegensatz seinem scharfzahnigen Kollegen eine Schwäche für Brücken. In einer grandiosen Computeranimation, welche fast an den lachenden Briefkasten mit dem ulkigen Gesicht auf meiner Website herankommt, sieht der geschockte Zuschauer, wie die griechische Fischplatte einen kräftigen Happen aus der Golden Gate Bridge reißt. Lorenzo schaut daraufhin noch ernster und verkündet den Tod von Millionen unschuldiger Menschen (es war wohl Feierabendverkehr auf der Brücke), was er jedoch gleich im Anschluss mit einer rassistischen Bemerkung und einem öligen Lächeln würzt. Man muss ihn einfach gern haben.
Die nächsten Szenen stellen die verzweifelte Suche nach dem richtigen Lockstoff dar. Unsere Star-Wissenschaftler haben den Chemiekasten ihres Sohnes geplündert und experimentieren mit allerlei bunten Likören herum, um im nächsten Moment betreten zu schauen, weil die herausgekommene Plörre hellgrün ist, was sich als Farbe für sexuelle Lockstoffe bekanntlich überhaupt nicht eignet. Nach vielen Stunden gespielter Erschöpfung werden die Anwesenden belohnt, indem Ling-Fu in überschwänglicher Laune verkündet, dass man jetzt endlich das Richtige gefunden hat. Er hatte in einem unachtsamen Moment seinen Kaffeebecher mit dem entsprechenden Reagenzglas verwechselt und ist jetzt rattig wie ein asiatischer Schulhausmeister. Gut, das Wundermittel ist wieder hellgrün, aber die Flasche Blue Curacao hat der letzte verbliebene Geldgeber in stiller Verzweiflung weggeknallt.
Somit teilen sich die Helden nun auf, um in 2 Unterseebooten die Erde abzusuchen – das geht dann ein bißchen schneller. Lorenzo macht wieder irgendeine sexistische Bemerkung und wird von unserer Biertrinkenden patriotischen Blondine mit einem erwartet schlechten Spruch in die Schranken gewiesen. Kein Wunder, dass er schwul geworden ist.
Szenenwechsel: wir sind auf dem japanischen U-Boot, welches von drinnen aussieht wie ein – wer hätte das gedacht – Schließfachbereich eines Bahnhofes. Der Kommandant ist ein altgedienter japanischer Haudegen mit einem beeindruckenden bayrischen Akzent, aber jeder Anwesende weiß, nur mit ihm und seiner Schließfachsektion ist ein nachhaltiger Erfolg zu erzielen. Der Asiate ist generell viel disziplinierter als der Ami, was wir darin sehen, dass es bei den amerikanischen Schließfächern eine kleine Revolte gibt. Der Steuermann, der bereits vorher durch seine weinerliche Stimme negativ aufgefallen ist, verliert die Nerven. Er erhebt sich von seinem Bürostuhl, schaut auch nicht mehr in die umgebaute Mikrowelle, in welcher Entfernung sich Bernd herumtreibt, sondern bedroht die übrigen mit einer aus einem Stück Seife gefertigten Handfeuerwaffe. Da er aber sehr nervös ist, rutscht ihm das Reinigungsmittel aus der Hand und Lorenzo schickt ihm mit einem gekonnten Schwinger seines Zopfes in das Reich der Träume. Trauriges Bild, wenn der Zuschauer einsehen muss, dass auch die Helden auf der Leinwand nur Menschen sind. Ich bin zu diesem Zeitpunkt kurz davor, Sharky oder Bernd anzurufen und ihnen den Standort beider Schiffe zu verraten, damit dieses Drama endlich ein Ende nimmt. Tut mir ja leid für Lorenzo Lamas, aber er hätte wissen müssen, wann man abtritt.
Meine Freundin erlebt einen Lachflash nach dem nächsten und ich mache mir Sorgen, ob sie nicht vielleicht ernsthaft Schaden nehmen könnte. Spätestens wenn sie mir nach dem Film eröffnet, dass die Meeresbiologie studieren möchte, dann werde ich sie zur Computertomographie schleppen. Solange kann ich noch vor dem Fernseher warten.
Da der Film sich dem Ende neigt und Regisseur und Produzent gemeinschaftlichen Suizid begangen haben, wird es Zeit für den Showdown. Wir werden nicht enttäuscht. In einer dramatischen Aktion habe die Schiffe Mega Shark und Giant Bernd eingekreist und festgestellt, dass alle Atomsprengköpfe sie nicht einmal kitzeln. Nun gilt es die atomar verseuchte Erde anders zu retten. Blondi klettert wieder in ihr kleines U-Boot vom Anfang und kippt den Lockstoff in die See, was dazu führt, dass alle bösen Tiere völlig durchdrehen und sich gegenseitig in einer unglaublichen Seeschlacht umbringen. Als schließlich das aufblasbare Hai-Double, welches man für 7000 Payback-Punkte bei ARAL erwerben kann, geplatzt ist, ist auch der Octopus so geschwächt, dass er bei dem Anblick von Lorenzos maskulinem Kinn aufgibt und sich wieder einfrieren läßt. Ja, gegen Lorenzos Stahl-Blick ist noch kein Kraut gewachsen.
Endlich hat unser dvd-Player ein Einsehen und zerkratzt von sich aus die dvd. Ich werde ihn in meinem Testament bedenken. Mit dem Film ist Schluss und ich stehe kurz vor dem geistigen Kollaps.

Früher wollte ich immer Schauspieler werden, doch das war zu der Zeit, als Lorenzo Lamas noch kein Rassist war.

P.S. Also, liebe Leser, Sie können nicht sagen, dass ich sie nicht gewarnt habe, wenn Sie nun losstürzen, um sich diesen „Film“ auszuleihen. Ganz Vorsichtige können auch nur die Kundenrezensionen auf „Amazon“ lesen – sehr empfehlenswert!
12.8.10 10:24


Im Grab der Namensopfer

Seit ich einen kleinen Neffen in der Familie habe, muss ich gestehen, liebe Leser, hat sich bei mir einiges geändert. Ich neige dazu, in fremde Kinderwagen zu schauen und kann mich nur schwer bremsen, den kleinen Erdenbürger mit einem „Duziduzi“ zu bedenken. Das kannte ich bisher nur von mir, sobald ein Hund in meine Nähe kam und so konnten die teilweise entsetzt schauenden Besitzer nur knapp verhindern, dass der kleine süße Rottweiler beim Knuddeln meinen Arm zerfleischte. Das ich in dieser Beziehung relativ angstfrei bin liegt vielleicht daran, dass ich Tiere und ganz besonders Hunde sehr gern habe und mit sämtlichen Vierbeinern aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis einen innigen und herzlichen Kontakt pflege - so z.B. mit einem Rottweiler namens „Lotharchen“, welcher meinem Freund Schrammi gehört. Lotharchen ist wirklich sehr süß und überaus schmusig. Außerdem liebt Lotharchen Schaumzuckererdbeeren und ist durchaus in der Lage, eine Steinmauer zu durchbrechen, wenn er dahinter ein Leckerli vermutet. Nun werden Sie sagen, „Lotharchen“ ist vielleicht nicht der passende Name für diese Mischung aus Kalb, Müllschlucker und Abrissbirne, aber seien wir doch mal ehrlich: Namen wie „Wotan“, „Thor“ und „Joker“ sind total ausgelutscht und klingen auch immer irgendwie nach NPD-Wähler, oder? Und wer will das schon? Außerdem habe ich noch nie ein Tier erlebt, welches mit seinem Namen nicht zufrieden war. Bei Menschen ist das anders. Zunächst einmal wird ein Mensch im Optimalfall älter als ein Haustier und zweitens habe ich auch noch nie gehört, dass einem vierbeinigen Hausgenossen sein Name zum Nachteil wurde. Vor meinem geistigen Auge taucht gerade eine Hundemeute auf, welche sich in einem unbeobachteten Moment zusammensetzt und den großen Schäferhund mobbt, den sein Frauchen auf den Namen „Schnucki“ getauft hat. Nun, ich will nicht sagen, dass es das nicht geben könnte, aber es scheint doch recht unwahrscheinlich.
Bei Kindern ist das – wie gesagt – anders.
Da in unserem schönen Land alle möglichen Menschen Kinder in die Welt setzen dürfen und dieses Recht leider gleich dutzendweise auskosten, tauchen immer mehr Namenskrüppel auf, deren Existenz schon vom Tag ihrer Namensgebung an zu einer Tortur wurde. Andererseits sind Namen etwas sehr Intimes, so dass ich nach einigen unschönen Erlebnissen davon Abstand genommen habe, werdende Eltern nach dem Namen ihres Kindes in spee zu fragen und diesen dann auch noch zu kommentieren. So passierte es, dass ich mich bei der Schwester eines Freundes zu folgender Aussage hinreißen ließ: „Na, Hauptsache, Du nennst das Gör nicht „Kevin“. So heißen nur Alkoholiker-Blagen aus den Neunzigern.“. Die merkwürdigen Blicke ersparten mir den Blick in die Geburtsanzeige und unser Verhältnis ist seitdem ein bißchen frostig.
Eine sehr liebe Arbeitkollegin von mir hat von 1996 bis 1998 kein Wort mit mir gesprochen, da ich, nachdem ich mich nach ihrem Namen erkundigt hatte, mich sagen hörte: „Grit? Grit ist doch kein Name. Grit ist ein Geräusch; und zwar das Geräusch, dass ein Ei macht, wenn man es auf dem Pfannenrand zerschlägt.“.Nach heutigen Maßstäben gebe ich zu, war das vielleicht ein kleines bißchen zu unsensibel (auch wenn es stimmt!).
Ein Grund dafür, dass ich noch keine Kinder habe, ist der, dass ich mich davor fürchte, dem Nachwuchs einen Namen zu geben, den er vielleicht ganz furchtbar findet und ich als Dank dafür irgendwann doch in dem billigen Pflegeheim lande. Andererseits habe ich eine diebische Freude daran, Namen zu sammeln und in kleinem geschützten Rahmen zu kommentieren. So fand ich vor einigen Tagen eine Liebesanzeige in der lokalen Presse, in der eine Frau ihrem Ehemann für 10 wunderbare Jahre dankt. Das allein ist auf jeden Fall sehr romantisch und sehr zur Nachahmung empfohlen. Leider jedoch fühlte sich die glückliche Ehefrau genötigt, der Welt mitzuteilen, dass das gemeinsame Glück noch durch die beiden wunderbaren Kinder komplettiert wird, welche auf die Namen Justin Dean Tyler und Kyara Zoe Summer hören. Es bleibt abzuwarten, ob die Kinder von dieser Verbindung und ihrer Existenz ebenso begeistert sind. Von einer ehemaligen Schulkameradin weiß ich, dass ihr Name Monique Jaqueline Warmbier der Grund dafür war, dass sie mit 18 Jahren heiratete, um zumindest diesen albernen Nachnamen los zu werden. Die Qualität dieser Verbindung ließ ein bißchen zu wünschen übrig, wie sie später im Frauenhaus feststellte.
Vor einiger Zeit besuchte ich meinen alten Freund Rainer Koslowski, der soweit ich weiß, mit seinem Namen recht zufrieden ist. Kaum saß ich auf der Couch, als seine Ehefrau Doreen (raten Sie mal, wo die herkommt!) und er mir mit glänzenden Augen offenbarten, dass sie trotz eines funktionierenden blueray-Recorders erfolgreich Nachwuchs produziert hätten. Sofort setzte ich mein „Hurra!“-Gesicht auf und spielte 30 Minuten lang Begeisterung. Doreen ist sehr lieb und man kann sie – bis auf ihren Leipziger Dialekt – wirklich gut um sich haben. Einige Dinge gibt es allerdings, welche ich – na, sagen wir mal etwas mühsam an ihr finde. Zum einen produziert die liebe Doreen mit wachsender Begeisterung hunderte von „window colour“-Bildern, welche sie dann gern ungefragt auf die Autoscheiben ihrer Opfer pappt. Ich hasse „window colour“. Ich weiß nicht, wer es erfunden hat, aber er scheint es sich zum Ziel gemacht zu haben, die Verdummung der Gesellschaft voran zu treiben. So fand ich eines Tages nach einem Besuch bei Koslowskis eine „window colour“-Diddl-Maus auf der Seitenscheibe meines Wagens vor, welche ohne Verzögerung zu massivem Unwohlsein meinerseits führte. Diddl-Mäuse sind schon schlimm, aber das Ganze noch mit „window colour“-Technik? Das ist wie Erhängen mit Stacheldraht. Ich erwog kurz, die Verursacherin bei der Polizei wegen Sachbeschädigung anzuzeigen, besann mich dann jedoch eines besseren, schlug die entsprechende Scheibe ein und ging dann zur Exekutive.
Nun sollte meine kleine „window colour“-Diddl-Maus-Freundin also Nachwuchs auf den Planeten werfen? Na, dann gute Nacht.
Obwohl ich nicht gefragt hatte, wurden mir sogar die näheren Umstände der Zeugung dargebracht. Man hatte gerade mal wieder „Der mit dem Wolf tanzt“ geschaut (Doreens Lieblingsfilm) und sich dann unter dem indianischen Traumfänger an die Produktion des Nachwuchses gemacht. Somit, erklärte mir die werdende Mutter, sei schon etwas Indianisches in dem kleinen Bengel drin. Ja, sicher. Sämtliche Spermien und Eizellen werden sich zu Beginn des Filmes gemütlich hinter der Netzhaut meiner Freunde platziert haben, kleine Popcorn-Tüten auf dem Schoß, um sich gemeinsam den Costner-Schmachtstreifen reinzuziehen. Nachdem das Licht wieder angegangen war, haben sich die kleinen Spermien noch kleinere Federn an ihre kleinen Köpfe gesteckt, um schließlich einer Meinung zu sein, dass, sollten sie heute auf die Squaw-Eizellen treffen, man von der Produktion eines Mitteleuropäers absehen und lieber einen kleinen Schwarzfuß-Indianer basteln wird. Ja, sicher – so wird es gewesen sein. Wie auch sonst? Sollte ich also irgendwann den Wunsch verspüren, ein schwarzes Kind zu zeugen, dann werden meiner Freundin und ich uns einfach einige Basketballspiele aus den USA anschauen und schon läuft die Sache.
Natürlich mußten mir die Koslowskis auch die gewiefte und wohl durchdachte Namenskombination für die kleine Rothaut verraten. Als Rufnamen entschieden wir uns für „Marvin“ (Überraschung!) und als Zweitname war „Günther“ geplant – so heißt Doreens Vater und dieser wäre tottraurig, wenn dieser Name mit ihm gemeinsam zu Grabe getragen würde. Allerdings heißen Indianer grundsätzlich nicht „Günther“, so dass noch ein dritter Name her mußte: „Eagleeye“. „Eagleeye“ wiederholte ich ungläubig und wartet darauf, dass irgendjemand „April, April!“ sagte. Allerdings wartete ich vergebens und aufgrund des Schocks gab mein Großhirn für kurze Zeit seinen Dienst auf. Daher kam ich nicht darauf, dass es sich bei diesem Namen um das englische Wort „Adlerauge“ handelte und dachte eher an den maskulinen kleinen stacheligen Sympathieträger, welchen man im Winter manchmal in den Komposthaufen findet. Wie in Trance stellte ich die entscheidende Frage: „Igelei? Welches denn? Das rechte oder das linke?“. Diese Frage wurde hormonell bedingt als Scherz abgetan und irgendwann erkannte ich, dass dieser schlechte Witz keiner war. „Wer soll denn der Patenonkel von Marvin Günther Eagleeye Koslowski werden?“, wollte ich schließlich wissen, „ Sitting Bull?“. Auch diese Bemerkung wurde mit gebührendem Gelächter zerstört, während ich vor meinem geistigen Auge den Lebensfilm dieses kleinen bedauernswerten Geschöpfes abspulen konnte. Marvin Günther Eagleeye Koslowski wird bereits im Kindergarten von allen Anwesenden verlacht und gedemütigt, bevor er seine Schullaufbahn nach der 6. Klasse beendet, da er das ewige Gelächter nicht mehr aushalten kann. An den Rand der Gesellschaft gedrängt wird er den Drogen verfallen, gewalttätig werden und im Rahmen der Beschaffungskriminalität ein sehr unschönes Ende in einer unschönen Seitenstraße mit einer unschönen Pistolenkugel in seinem Eagleeye nehmen – und das alles noch vor der Konfirmation! Allerdings klingt das schon ein bißchen wie der durchschnittliche Lebenslauf eines Indianers, oder? Also, wenn man es von der Seite betrachtet...
Aber wer nun glaubt, es ginge nicht noch schlimmer, der irrt. Eine sehr weitläufige Bekannte von mir erwartete ihr 6. Kind vom 9. Mann und hatte sich als Namen für den Kleinen „Delaine Lorell“ ausgedacht, was einen sehr reizvollen Kontrast zu dem Nachnamen „Stegelmann“ darstellt. Es werden noch Wetten angenommen, in welchem Alter der kleine Pupser seinen eigenen Namen aussprechen kann. Ich habe 10 Euro auf 12 Jahre gesetzt und weiß, ich bin in diesem Punkt sehr optimistisch. Seine Omi nennt den Scheißer in Unkenntnis der englischen Sprache „Diele Loréal“. Auch hübsch.
Nun will ich nicht sagen, dass mein eigener Name die Krönung der sprachlichen Schöpfung ist; allerdings klingt dieser nicht nach einem Waschmittel, einer Automarke oder nach längst ausgestorbenen unterdrückten Ureinwohnern. Auch muss ich nicht als lebender Grabstein für irgendwelche ebenso längst ausgestorbenen Idole meiner Eltern herhalten wie die Tochter einer Kollegin von mir, welche nun den Rest ihres Lebens mit dem für Legastheniker geeigneten Namen „Aahlyiaah“ oder so durch die Welt laufen darf, nur weil die liebe Mutti gern das Geträller einer anderen Aahlyiaah hörte, bis diese ihr Flugzeug ein bißchen ruppig an einem Berghang parkte. Was kann denn das arme Kind dafür? In diesem Fall habe ich wirklich Glück gehabt, denn sonst hieße ich heute wahrscheinlich „Heintje“ oder „Jürgen Marcus“.
Was waren das doch für schöne Zeiten damals, als es in meiner Schulklasse nur so wimmelte von Marcs, Thomassen und Susannes. Kurz vor der Jahrtausendwende wurde dann einer ganzen Generation von männlichen Babys der Zugang in die berufliche Chefetage verwehrt, da Mutti vorher den süßen Macauley Culkin in der „Kevin“-Triologie gesehen hat und wenn der eigene Nachwuchs schon nicht aussieht wie der kleine Culkin, dann soll wenigstens der Name passen. Sie dürfen mal Überlegungen anstellen, warum der kleine Kevin nach diesen Filmen einen rasanten Abstieg in Drogen und Alkohol erlebte und heute gar nicht mehr so süß und knuddelig aussieht. Was blieb ihm auch anderes übrig? Mit der Jahrtausendwende besann man sich wieder auf alte Werte und so sprangen Namen wie „Lukas“, „Hans“, „Elisabeth“, „Adolf“, „Eva“ und „Heinrich“ aus den Geburtsanzeigen, während die heutigen Eltern offenbar bestrebt sind, ihre Kinder nach Dingen zu benennen oder wie erklären sich Namensschöpfungen wie „Wolke“, „Alpha“, „Windsbraut“ und „Blue“?
Also, Ihr Pumuckels, Ihr Cheyennes, Ihr Kevins und Ihr Summers da draußen: verliert nicht die Hoffnung! Versucht, Euer Leben so gut wie möglich über die Bühne zu bringen: laßt nur Euren Nachnamen in das Telefonbuch eintragen, legt Euch einen Künstlernamen zu und freut Euch darauf, später einmal viel Geld zu sparen. Dann dürfen Mutti und Papi in dem billigen Pflegeheim darüber nachdenken, ob „Klaus-Dieter“ nicht doch besser gewesen wäre.
11.5.10 08:09


Obscure II

Es ist, liebe Leser, noch gar nicht so lange her, dass ich im 21. Jahrhundert angekommen bin – zumindest technisch gesehen. Auch ich besitze mittlerweile ein Mobiltelefon und habe mich sogar durch das Rechtschreibprogramm gefuchst, so dass meine sms nicht länger aussehen wie alte ägyptische Grabinschriften, zu deren Entschlüsselung 3-4 Generationen von Archäologen ihre Lebenszeit opfern müssen. Ich weiß, wie man bei Ebay anonym irgendwelchen Schweinkram bestellt, warum mein Computer mir haushoch überlegen ist und mich deshalb doof findet und ich bin seit Neuestem sogar in der Lage, einen Parkautomaten zu bedienen und somit meinen Wagen aus der erbarmungslosen Umklammerung eines technisch hochgerüsteten Parkareals zu befreien. Dies alles ist zweifellos sehr beeindruckend, auch wenn ich weiß, dass eine geschätzte Leserschaft schon lange keinen Gedanken mehr an die Lösung dieser Probleme verschwenden muß.

Den Löwenanteil dieser Entwicklung trägt natürlich meine Freundin, welche mich behutsam an die technischen Geheimnisse dieses Planeten heranführt, systematisch meine Unwissenheit und Angst dem Erdboden gleich macht und mich nach jedem noch so kleinen Erfolg lobt. Zweifellos steigern wir uns langsam und in naher Zukunft könnte es sogar passieren, dass ich irgendwann einen Videorekorder programmieren kann. Erzählen Sie mir jetzt bitte nicht, dass diese Technologie völlig veraltet ist. Solche Kleinigkeiten dürfen mich in meiner Entwicklung nicht stören.

Vor einiger Zeit tauchte in meinem Leben zum ersten Mal das Wort „Playstation“ auf. Sie als meine geschätzte Leserschaft wissen natürlich, was eine Playstation ist. Ich wußte es nicht, bis mir der minderjährige Nachwuchs eines Freundes ein Microfon unter die Nase hielt und mich aufforderte, „Singstar“ zu spielen. Nun, ich kann mit Recht behaupten, dass ich einige Dinge in dieser Welt, welche nicht ganz unwichtig sind, recht hübsch kann. Singen gehört jedoch nicht dazu. Meinen kurzen Widerstand gab ich jedoch auf, als die kleinen Steuerermäßigungen im höchsten Diskant brüllten und versuchte mich an „Die perfekte Welle“ von der Gruppe „Oktobermond“ oder „Silberjuli“ oder wie die neu-deutschen Bands der Menstruationslyrik eben so heißen. Die Folge waren ebenso heftig wie final: im gesamten Haus mußten neuen Scheiben eingesetzt werden.
Soweit meine bisherigen Erfahrungen mit dem Thema „Playstation“.
Alles änderte sich jedoch, als meine bessere Hälfte, welche zur Entspannung gern mal Horror- und Splatterfilme schaut (ich hocke dann erfahrungsgemäß mit versteinerter Miene daneben und grabe meine Hände durch den Sofabezug bis in die Sprungfedern) mir vorschlug, man könne doch – zur Aufwertung unserer mageren Freizeit – eine gebrauchte PS 2 erwerben. Da gäbe es auch sehr kurzweilige und entspannende Spiele, welche wirklich Spaß machen. Ich hätte es wissen müssen. Was versteht schon jemand unter Spaß, der es entspannend findet, wenn einer jungen Frau im Film die Eingeweide mit einem rostigen Presslufthammer verwurschtelt werden?

Natürlich war mir dieser berechtigte Einwand nicht bewußt, so dass ich leichtsinnigerweise zustimmte. Kurze Zeit später betraten wir den Laden unseres lieben Freundes Heinz-Achmed. Heinz-Achmed heißt nicht wirklich Heinz-Achmed. Seinen richtigen Namen kennen wir nicht. Er stammt aus irgendeinem ehemaligen Ostblock-Staat, welcher sich sooft umbenannt hat und sich sooft verbündet und als unabhängig erklärt hat, dass Heinz-Achmed selbst nicht mehr weiß, woher er kommt. Irgendwann stand mal das Wort „Kroatien“ im Raum, aber so genau wollte man sich da nicht festlegen.
Jetzt lebt Heinz-Achmed in meiner Heimatstadt und ist stolzer Besitzer eines Geschäfts für gebrauchte Artikel aller Art. Sein Verkaufsraum ist eine reizvolle Mischung aus begehbarer Sondermülldeponie und afrikanischem Zolllager. Verschiedenste Elektroartikel aus allen Epochen warten ebenso wie Musikinsturmente, großzügig illuminierte Marienschreine und osteuropäische Jahrmarktskunst auf neue Besitzer. Nebenbei hoffen natürlich mehr oder weniger gelungene Fälschungen aus dem Schmuck- und Uhrenbereich, sowie gebrauchte Erotikartikel und natürlich Mobiltelefone darauf, erworben zu werden. Was unser osteuropäischer Freund noch alles unter dem Ladentisch vervorzuziehen vermag, wenn man ihn nur danach fragt, wage ich gar nicht zu bedenken. Sollten Sie, liebe Leser, irgendwann mal eine gut erhaltene Panzerfaust suchen, so sprechen Sie mich einfach an – ich wüßte schon, wen ich fragen müßte.
Natürlich hatte Heinz-Achmed das Gewünschte parat. Mit einem sicheren Handgriff zauberte er eine gebrauchte aber noch recht ansehnliche „Playstation 2“ hervor und versicherte uns natürlich, dass er nur einwandfreie Ware verkaufe, an welcher er natürlich nichts verdiene. Er ist eigentlich viel zu gut für diese Welt, der Heinz. Aber er mag uns halt ganz besonders gern und deshalb bekommen wir - und nur wir! – stets einen absoluten Supersonderpreis. Nach einem kurzen technischen Check stellten wir beruhigt fest, dass von dem Gerät zumindest momentan keine Explosionsgefahr ausgeht und erwarben es kurzerhand zu bereits erwähntem Supersonderpreis. Als Zugabe erhielten wir das topaktuelle Spiel „Obscure II“, welches neben einem literarischen Anspruch auch Entspannung, Spaß und natürlich einen unverzichtbaren Lerneffekt garantiert.
Die Handlung ist kurz erzählt: es handelt sich um ein Studentenwohnheim in den USA, in welchem die Hauptakteure leben. Ob sie dort auch irgendwas studieren, erfahren wir nicht. Die etwas wächsern wirkenden Helden informieren den Spieler zu Beginn, dass in diesem Wohnheim (wie in jedem anderen auf der Welt) auch gern und viel gefeiert wird und man neben den üblichen legalen Drogen auch gern auf eine besondere Blume zurückgreift, welche durch einfaches Inhalieren der Sporen einen abwechslungsreichen Abend verspricht. Alles startet also harmlos, unsere jungen Freunde saufen und schnupfen sich durch den Freitag Abend, bis schließlich einer der Akteure mit schwerem Kopf in absoluter Dunkelheit in der Nähe eines Friedhofes erwacht und sich berechtigterweise wundert, warum er draußen im Dreck liegt und nicht mit den anderen weitere Drogen ausprobiert. Zufällig findet Stan (so heißt unsere junger Freund) zunächst einen Baseballschläger (die liegen in den USA ja quasi überall herum) und dann seine morbid wirkende Freundin Shannon, welche 2 Gräber weiter ihren Rausch ausschläft. Beide tun dann das einzig Logische und betreten den Friedhof, wo sie auf ein Monster treffen (halb Blume halb Student), welches ein junges Mädchen verschleppt. Das mag für amerikanische Verhältnisse nicht ungewöhnlich erscheinen, aber unseren Akteuren dämmert es allmählich, dass der Abend vielleicht ein bißchen aus dem Ruder läuft. Dieser Eindruck verstärkt sich, als sie zu dem Studentenwohnheim zurückkehren, wo sie neben einigen Litern Blut auch zahlreiche zerfleischte und verstümmelte Kommilitonen erwarten, welche sich über die Finanzierung des nächsten Semesters keine Sorgen mehr machen müssen. Stan kommentiert den Fund mit einer coolen Bemerkung und erweist sich als Sportler, da er nun mal eben an der Fassade hochklettert, um Shannon von drinnen die Tür zu öffnen. Shannon hätte zwar auch die Diebstahlssicherung der Eingangstür knacken können, aber das gehört nicht zu ihren Stärken, wie wir später noch sehen werden. Beide durchqueren nun das relativ zerstörte Wohnheim vorbei an Leichen, Blumen und Monstern aller Art. Als kleinen Gimmick finden sie zwischendurch alles Mögliche an Waffen, Munition (Sie sehen, liebe Leser, wir sind tatsächlich in den USA) und Hilfsmitteln in Form von kleinen Verbandskästen, Schlüsseln und Energydrinks. Diese erhalten wir, wenn wir die überall aufgestellten Getränkeautomaten einschlagen. Es ist ja hinlänglich bekannt, dass man mit einem Redbull auch mal eine gerissene Leber und einen massiven Blutverlust ausgleichen kann.
Mittlerweile, liebe Leser, hat auch der letzte Kunstgeschichte-Student kapiert, was dort abgeht: die Blumen, welche unseren Freunden so gute Dienste geleistet haben, haben sich selbständig gemacht und ich spreche hier nicht von Oma Lieschen´s Stiefmütterchen, die nach etwas Wasser und aufmunternden Worten dürsten. Nein, diese Blümelein wollen Blut – Studentenblut!
Gerade als das Spiel langweilig zu werden droht, tauchen weitere Akteure auf: Brian (der Ex-Knacki, der jede Tür öffnen kann), Gary (sein hirnschwacher aber dafür sehr kräftiger Bruder), irgendein Professor (welcher uns hin und wieder an seinen großartigen wenn auch zusammenhanglosen Gedanken teilhaben läßt), Shannon (die mit der dunklen Aura), Ashley ( so eine Art weiblicher McGyver, welche jeden Rechner und jede Sicherung knacken kann) und natürlich die attraktive Lea (die gar nichts kann, aber hübsch aussieht). Lea ist verantwortlich für Kreischen, hilflos in der Ecke stehen und panische Gesichtsausdrücke. Aber auch die Monster-Seite rüstet natürlich auf: so gibt es liebevoll unbeholfene Kopien des Alien, spinnenartige Krabben von der Größe eines Cocker Spaniels, dicke schleimige Verwandte von Jabba Bings und die bereits erwähnten Blumenkreaturen.
Unsere Helden kämpfen sich also durch verschiedene Spielstätten, Lea kreischt sich durch die Levels, Shannon zersägt die Killerblumen am liebsten mit einer Motorsäge, welche sie im Krankenhaus gefunden hat und Stan erklimmt tapfer jede noch so glatte Fassade. Leider vergißt Brian, hin und wieder einen Energydrink zu sich zu nehmen und wird schließlich von einer haushohen Gladiole gefressen. Irgendwann beginnt Lea, uns auf den Sack zu gehen. Das tut sie allerdings nicht lange, da sie im Bergwerk unter lautem Kreischen von einem genmanipulierten Cocker Spaniel in 2 Teile gerissen wird. Auch Shannon geht es nicht besser: ihrer Motorsäge geht im Garten der alten Villa der Saft aus, so dass sie von ihrem mutierten Mathematik-Professor ausgesaugt wird – vielleicht war der auch gar nicht mutiert (wie Mathematiker eben so sind). Bleiben also noch Stan und Ashley. Zwischendurch trifft der komische Professor seinen Meister in Form von Jabba Bings. Der erwartet ihn im Gewächshaus und erwürgt den Prof mit einer besonders kräftigen Knospe. Das stört den Betrachter jedoch nicht besonders, da der Professor ohnehin nichts konnte und nur Verbandspäckchen verbraten hat. Gut, dass der weg ist! Da kann man mal wieder sehen, dass Intellektuelle in der Praxis häufig völlig hilflos sind. Stan schlägt sich immer noch ganz gut , doch nach der 8. Fassade geht ihm allmählich die Kraft aus. Eine Turbine im alten Wasserkraftwerk, welche Shannon im Vorbeigehen mal eben wieder in Betrieb gesetzt hat, reißt ihm beim Passieren die Rübe runter, so dass er im Interesse aller Verbliebenen keine Energydrinks mehr verbraucht. Hätte er eben öfter mal die Treppe benutzt! Ashley macht sich immer noch recht gut, ist sie doch sehr versiert im Umgang mit Kettensäge, Armbrust, Elektroschocker und Leuchtpistole. Wahrscheinlich kommt sie aus Texas, wo einem alle bekannten Arten von Waffen ja schon in die Wiege gelegt werden. Leider geht ihre Tatkraft ein bißchen auf Kosten ihrer mentalen Fähigkeiten, so dass sie schließlich beim Bilderrätsel im Haus des mißgestalteten Klavierlehrers an ihre Grenzen stößt und somit von seinem Notenständer, welcher sich als Mutant herausstellt, in kleine handliche Würfel gehackt wird.
So, jetzt haben wir den Salat: unsere Helden haben kläglich versagt und die Zivilisation wird von Blumen, Cocker Spaniels und mutierten Haushaltsgegenständen überrannt.
Mir ist das zu diesem Zeitpunkt schon völlig egal. Es ist vier Uhr früh, meine Daumengelenke sind entzündet, ich bin naßgeschwitzt und so übermüdet, dass ich den Tod unserer letzten 3 Akteure kommentarlos hingenommen habe. Ich wanke Richtung Badezimmer, um noch einmal pinkeln zu gehen, bevor die Blumen und Aliens die Tür aufbrechen. Ich stolpere zwischen übervollen Aschenbechern und überleeren Bierdosen durch das Schlachtfeld, bis vor mir das süße wenn auch abgekämpfte Antlitz meiner Herzallerliebsten auftaucht, welche mich mit glänzenden Augen anschaut und die florale Hölle der letzten Stunden mit der Frage „Das war doch cool, oder?“ kommentiert. Ich kann zu diesem Zeitpunkt nicht mehr sprechen, mein räumliches Sehen habe ich in Level 34 eingebüßt und schaukele wie ein Zombie in Richtung Bett. Schließlich hat sich der Sturm in meinem Großhirn gelegt und ich bekomme das Zittern in meiner linken Hand in den Griff, bevor ich im Traum in einer „Blume 2000“-Filiale den Großangriff einer übermächtigen Primelarmee zurückschlage.

Wo ist nur das gute alte „Tetris“ geblieben?
26.3.10 11:07


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