Ich sach ma so.....

 

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Ich verdufte

Ich, liebe Leser, stinke. Das ist zwar ein recht hartes Urteil, entspricht jedoch in weiten Teilen des Tages der Wahrheit. Besonders morgens nach dem Aufstehen habe ich einen Geschmack im Mund, als sei letzte Nacht irgendetwas in meinen Mund gekrochen und dort verendet. Irgendetwas Pelziges.
Und wenn ich dann in das süße Antlitz meiner Trautholdesten blicke, dann weiß ich, ich rieche auch außerhalb meines Mundes nicht viel besser. Sie versucht, ihren Ekel und ihre Abscheu zwar zu verbergen (schließlich liebt sie mich ja), aber ich merke es trotzdem an ganz kleinen Zeichen: z. B. wechselt ihre Gesichtsfarbe in ein Nato-grün bis zart-mauve, ihre Augen tränen und ihre Wimpern fallen aus; aber das macht nichts – die wachsen über Tag wieder nach.
Nun könnte man meinen, ich verzweifle ob dieser Tatsache, aber das stimmt nicht, denn schließlich gibt es Trost für mich: alle Männer stinken morgens. Dies ist eines der großen Mysterien Männlein und Weiblein betreffend. Männer stinken morgens nach einer tödlichen Mischung aus Pups, nassem Chow-Chow und altem Opa, dass es einem die Nasenscheidewand weg haut. Und Frauen? Frauen duften morgens nach weichem Bett, nach Kuscheln, nach Wärme – kurzum: einfach süß und gut.
Wenn mein kleiner Engel morgens mit zerknautschten Haaren und ebensolchem Gesicht neben mir wach wird, dann gibt es für mich nichts Schöneres als an ihr zu riechen. Umgekehrt kann man davor nur warnen. Wer morgens an Männern riecht, der lacht über Vietnam.

Natürlich lässt man uns mit unserem Elend nicht allein, denn wir leben schließlich nicht in irgendeiner Bananenrepublik, sondern in einem hoch technisierten Land irgendwo an der Spitze des Universums. Das bedeutet, es gibt Hilfe für die Einsamen: Douglas. Douglas ist eine weltweit operierende sektenartig aufgebaute Parfümeriekette. Warum sektenartig? Nun, haben Sie mal die Verkäuferinnen dort betrachtet? Alle scheinen irgendwie von ein und demselben Klon abzustammen; quasi Dolly, das Verkaufsschaf mit der 20 cm dicken Schminkschicht auf den Wangen. Den Douglas-Klon gibt es in 2 Ausführungen. Einmal in der Senioren-Version: Alter ca. 35-60 (genauer lässt sich das bei der aufgetragenen Kriegsbemalung nicht schätzen), gebärfreudiges Becken, dafür aber nur 150 cm groß (davon sind dann allerdings noch 15 cm Absatz), verspielt-kitschige Designer-Brille und die grell gefärbten Haare zu einer Frisur zusammen gekleistert, welche entfernt an eine Momentaufnahme einer Gerölllawine oder einen explodierten Pudel erinnert. Juniorversion: Alter ca. 8-34 (s. o.), die dunklen Haare so streng zu einem Zopf geflochten, dass der Bauchnabel als Grübchen auf dem Kinn erscheint, schlank und Marke „Ich wäre lieber Flugbegleiterin geworden, aber vom Fliegen muss ich kotzen.“. Hin und wieder gibt es da noch den androgyn wirkenden Jüngling, der jede Kundin mit einem lauten Kreischen begrüßt und in seiner Freizeit eine Menstruation vortäuscht. Der ist jedoch seltener.

Aber zurück zu uns Stinkern. Wir betreten das douglassche Klonlabor auf der Suche nach Hilfe. Sofort spurtet eine Verkaufsbeauftragte auf uns zu und sprüht uns mit den Worten „Kennen sie schon den neuen Duft von Lagerfeld?“ einen halben Liter in die Augen, die Atemwege, in alle Körperöffnungen und Schleimhäute. Wir beginnen zu taumeln, während wir überrascht zur Kenntnis nehmen, dass Lagerfeld jetzt auch in die Sicherheitsbranche eingestiegen ist und Pfefferspray verkauft. Sobald sich unsere verklebten aber gut duftenden Lungenbläschen erholt haben, keuchen wir „ Nett. Wirklich nett. Haben sie dafür auch das Gegengift?“ und suchen uns einen Platz zum Festhalten.

Natürlich ist es wichtig, mit einem möglichst individuellen Duft ihre eigene Individualität gepaart mit einem soliden Understatement an den Tag zu legen. Wenn Sie also wie die gesamte deutsche Verteidigung duften möchten, dann nehmen Sie ruhig Lagerfeld Photo oder Boss oder so was. Ansonsten suchen Sie sich etwas völlig Unbekanntes aus, wie das neue „elephant pee“ des jungen angolanischen Designers Mbele Bombo oder so. Das riecht dann zwar vielleicht wie alter Pekinese von hinten aber immerhin bleiben Sie im Gedächtnis.

Neulich waren meine Herzallerliebste und ich in einer Filiale von Verona Pooths Klamottendiscount und ich war nicht wenig überrascht, als ich an der Kasse auf die mehr oder weniger gelungenen Imitate anspruchsvoller Herren- und Damendüfte in teilweise beeindruckend wuchtigen Flakons traf. Besonders beeindruckt hat mich der Herrenduft „Battlefield“. Nun, ich bin gewiß kein Marketing-Fachmann und werde mich hüten, die neueste Namensschöpfung des italienischen Stardesigners Enzo Potenzo in den Dreck zu ziehen, aber stehe ich allein mit meiner Meinung, das der Name „Schlachtfeld“ vielleicht ein ganz kleines bisschen unglücklich gewählt ist? Vor meinem geistigen Auge erscheint „Battlefield“ in einer Fernsehwerbung, in welcher sich ein junger noch recht gut aussehender Soldat vor der letzten Offensive die Genfer Konventionen radikal missachtend mit „Battlefield“ zudieselt, dann schreiend ins Feld rennt, um dort von einer Mörsergranate zerrissen zu werden. Da liegt er nun: gar nicht mehr so hübsch, gar nicht mehr so lebendig, aber immer noch wohlriechend. Dann erklingt ein einsames Trompetensignal und es erscheint der Slogan „Battlefield: der nasale Großangriff auf ihren guten Geschmack! Neu von Potenzo!“. Jaaaaaa, gar nicht schlecht. Aber auch nicht wirklich gut.
Ich denke, es gibt einfach Namen, die eignen sich eher nicht so für Düfte. Da wäre z. B. „Distance“ oder auch „No friends“ oder „From hell“ oder ähnliches.

Wie dem auch sei: niemand braucht mehr zu riechen und auch wer noch unentschlossen ist, der kann sich gern von kundiger Seite beraten lassen und dann verduften. Wie ich.
18.2.10 10:09
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


-buck / Website (21.2.10 11:34)
Die drei großen 'S' im Schlafzimmer des Mannes: Scharchen, Sabbern, Stinken. Es hatte schon seinen Grund, dass die Höhlen unserer Vorfahren auch nachts vorne offen blieben.

Zu allem anderen möchte ich nur sagen: Nur wer irgendwann mal erscheint, kann auch verduften. ;-)


Ralph Breyer (26.1.11 11:29)
Hi Patrick, auf der Suche nach Kurzgeschichten, mit denen ich den literarischen Sinn meiner TN schulen kann, kam ich endlich dazu, mich mal mit Deinem blog zu befassen (Du hast keine Ahnung, wie die letzten anderthalb Monate für uns ausgesehen haben ... stresstechnisch) Ich habe schallend gelacht, es ist ein Genuss, Du bist auch als Schreibender eine echte Entdeckung (meisterlich!) und die Geschichten sind für meine TN (O-Ton Ausschreibung: Jugendliche an der Grenze zur geistigen Behinderung) gänzlich ungeeignet - dat versteh'n die nie!!!
Bis sehr bald, liebe Grüße an alle, sintemalen an Mandy! Gruß Ralph

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