Ich sach ma so.....

 

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Obscure II

Es ist, liebe Leser, noch gar nicht so lange her, dass ich im 21. Jahrhundert angekommen bin – zumindest technisch gesehen. Auch ich besitze mittlerweile ein Mobiltelefon und habe mich sogar durch das Rechtschreibprogramm gefuchst, so dass meine sms nicht länger aussehen wie alte ägyptische Grabinschriften, zu deren Entschlüsselung 3-4 Generationen von Archäologen ihre Lebenszeit opfern müssen. Ich weiß, wie man bei Ebay anonym irgendwelchen Schweinkram bestellt, warum mein Computer mir haushoch überlegen ist und mich deshalb doof findet und ich bin seit Neuestem sogar in der Lage, einen Parkautomaten zu bedienen und somit meinen Wagen aus der erbarmungslosen Umklammerung eines technisch hochgerüsteten Parkareals zu befreien. Dies alles ist zweifellos sehr beeindruckend, auch wenn ich weiß, dass eine geschätzte Leserschaft schon lange keinen Gedanken mehr an die Lösung dieser Probleme verschwenden muß.

Den Löwenanteil dieser Entwicklung trägt natürlich meine Freundin, welche mich behutsam an die technischen Geheimnisse dieses Planeten heranführt, systematisch meine Unwissenheit und Angst dem Erdboden gleich macht und mich nach jedem noch so kleinen Erfolg lobt. Zweifellos steigern wir uns langsam und in naher Zukunft könnte es sogar passieren, dass ich irgendwann einen Videorekorder programmieren kann. Erzählen Sie mir jetzt bitte nicht, dass diese Technologie völlig veraltet ist. Solche Kleinigkeiten dürfen mich in meiner Entwicklung nicht stören.

Vor einiger Zeit tauchte in meinem Leben zum ersten Mal das Wort „Playstation“ auf. Sie als meine geschätzte Leserschaft wissen natürlich, was eine Playstation ist. Ich wußte es nicht, bis mir der minderjährige Nachwuchs eines Freundes ein Microfon unter die Nase hielt und mich aufforderte, „Singstar“ zu spielen. Nun, ich kann mit Recht behaupten, dass ich einige Dinge in dieser Welt, welche nicht ganz unwichtig sind, recht hübsch kann. Singen gehört jedoch nicht dazu. Meinen kurzen Widerstand gab ich jedoch auf, als die kleinen Steuerermäßigungen im höchsten Diskant brüllten und versuchte mich an „Die perfekte Welle“ von der Gruppe „Oktobermond“ oder „Silberjuli“ oder wie die neu-deutschen Bands der Menstruationslyrik eben so heißen. Die Folge waren ebenso heftig wie final: im gesamten Haus mußten neuen Scheiben eingesetzt werden.
Soweit meine bisherigen Erfahrungen mit dem Thema „Playstation“.
Alles änderte sich jedoch, als meine bessere Hälfte, welche zur Entspannung gern mal Horror- und Splatterfilme schaut (ich hocke dann erfahrungsgemäß mit versteinerter Miene daneben und grabe meine Hände durch den Sofabezug bis in die Sprungfedern) mir vorschlug, man könne doch – zur Aufwertung unserer mageren Freizeit – eine gebrauchte PS 2 erwerben. Da gäbe es auch sehr kurzweilige und entspannende Spiele, welche wirklich Spaß machen. Ich hätte es wissen müssen. Was versteht schon jemand unter Spaß, der es entspannend findet, wenn einer jungen Frau im Film die Eingeweide mit einem rostigen Presslufthammer verwurschtelt werden?

Natürlich war mir dieser berechtigte Einwand nicht bewußt, so dass ich leichtsinnigerweise zustimmte. Kurze Zeit später betraten wir den Laden unseres lieben Freundes Heinz-Achmed. Heinz-Achmed heißt nicht wirklich Heinz-Achmed. Seinen richtigen Namen kennen wir nicht. Er stammt aus irgendeinem ehemaligen Ostblock-Staat, welcher sich sooft umbenannt hat und sich sooft verbündet und als unabhängig erklärt hat, dass Heinz-Achmed selbst nicht mehr weiß, woher er kommt. Irgendwann stand mal das Wort „Kroatien“ im Raum, aber so genau wollte man sich da nicht festlegen.
Jetzt lebt Heinz-Achmed in meiner Heimatstadt und ist stolzer Besitzer eines Geschäfts für gebrauchte Artikel aller Art. Sein Verkaufsraum ist eine reizvolle Mischung aus begehbarer Sondermülldeponie und afrikanischem Zolllager. Verschiedenste Elektroartikel aus allen Epochen warten ebenso wie Musikinsturmente, großzügig illuminierte Marienschreine und osteuropäische Jahrmarktskunst auf neue Besitzer. Nebenbei hoffen natürlich mehr oder weniger gelungene Fälschungen aus dem Schmuck- und Uhrenbereich, sowie gebrauchte Erotikartikel und natürlich Mobiltelefone darauf, erworben zu werden. Was unser osteuropäischer Freund noch alles unter dem Ladentisch vervorzuziehen vermag, wenn man ihn nur danach fragt, wage ich gar nicht zu bedenken. Sollten Sie, liebe Leser, irgendwann mal eine gut erhaltene Panzerfaust suchen, so sprechen Sie mich einfach an – ich wüßte schon, wen ich fragen müßte.
Natürlich hatte Heinz-Achmed das Gewünschte parat. Mit einem sicheren Handgriff zauberte er eine gebrauchte aber noch recht ansehnliche „Playstation 2“ hervor und versicherte uns natürlich, dass er nur einwandfreie Ware verkaufe, an welcher er natürlich nichts verdiene. Er ist eigentlich viel zu gut für diese Welt, der Heinz. Aber er mag uns halt ganz besonders gern und deshalb bekommen wir - und nur wir! – stets einen absoluten Supersonderpreis. Nach einem kurzen technischen Check stellten wir beruhigt fest, dass von dem Gerät zumindest momentan keine Explosionsgefahr ausgeht und erwarben es kurzerhand zu bereits erwähntem Supersonderpreis. Als Zugabe erhielten wir das topaktuelle Spiel „Obscure II“, welches neben einem literarischen Anspruch auch Entspannung, Spaß und natürlich einen unverzichtbaren Lerneffekt garantiert.
Die Handlung ist kurz erzählt: es handelt sich um ein Studentenwohnheim in den USA, in welchem die Hauptakteure leben. Ob sie dort auch irgendwas studieren, erfahren wir nicht. Die etwas wächsern wirkenden Helden informieren den Spieler zu Beginn, dass in diesem Wohnheim (wie in jedem anderen auf der Welt) auch gern und viel gefeiert wird und man neben den üblichen legalen Drogen auch gern auf eine besondere Blume zurückgreift, welche durch einfaches Inhalieren der Sporen einen abwechslungsreichen Abend verspricht. Alles startet also harmlos, unsere jungen Freunde saufen und schnupfen sich durch den Freitag Abend, bis schließlich einer der Akteure mit schwerem Kopf in absoluter Dunkelheit in der Nähe eines Friedhofes erwacht und sich berechtigterweise wundert, warum er draußen im Dreck liegt und nicht mit den anderen weitere Drogen ausprobiert. Zufällig findet Stan (so heißt unsere junger Freund) zunächst einen Baseballschläger (die liegen in den USA ja quasi überall herum) und dann seine morbid wirkende Freundin Shannon, welche 2 Gräber weiter ihren Rausch ausschläft. Beide tun dann das einzig Logische und betreten den Friedhof, wo sie auf ein Monster treffen (halb Blume halb Student), welches ein junges Mädchen verschleppt. Das mag für amerikanische Verhältnisse nicht ungewöhnlich erscheinen, aber unseren Akteuren dämmert es allmählich, dass der Abend vielleicht ein bißchen aus dem Ruder läuft. Dieser Eindruck verstärkt sich, als sie zu dem Studentenwohnheim zurückkehren, wo sie neben einigen Litern Blut auch zahlreiche zerfleischte und verstümmelte Kommilitonen erwarten, welche sich über die Finanzierung des nächsten Semesters keine Sorgen mehr machen müssen. Stan kommentiert den Fund mit einer coolen Bemerkung und erweist sich als Sportler, da er nun mal eben an der Fassade hochklettert, um Shannon von drinnen die Tür zu öffnen. Shannon hätte zwar auch die Diebstahlssicherung der Eingangstür knacken können, aber das gehört nicht zu ihren Stärken, wie wir später noch sehen werden. Beide durchqueren nun das relativ zerstörte Wohnheim vorbei an Leichen, Blumen und Monstern aller Art. Als kleinen Gimmick finden sie zwischendurch alles Mögliche an Waffen, Munition (Sie sehen, liebe Leser, wir sind tatsächlich in den USA) und Hilfsmitteln in Form von kleinen Verbandskästen, Schlüsseln und Energydrinks. Diese erhalten wir, wenn wir die überall aufgestellten Getränkeautomaten einschlagen. Es ist ja hinlänglich bekannt, dass man mit einem Redbull auch mal eine gerissene Leber und einen massiven Blutverlust ausgleichen kann.
Mittlerweile, liebe Leser, hat auch der letzte Kunstgeschichte-Student kapiert, was dort abgeht: die Blumen, welche unseren Freunden so gute Dienste geleistet haben, haben sich selbständig gemacht und ich spreche hier nicht von Oma Lieschen´s Stiefmütterchen, die nach etwas Wasser und aufmunternden Worten dürsten. Nein, diese Blümelein wollen Blut – Studentenblut!
Gerade als das Spiel langweilig zu werden droht, tauchen weitere Akteure auf: Brian (der Ex-Knacki, der jede Tür öffnen kann), Gary (sein hirnschwacher aber dafür sehr kräftiger Bruder), irgendein Professor (welcher uns hin und wieder an seinen großartigen wenn auch zusammenhanglosen Gedanken teilhaben läßt), Shannon (die mit der dunklen Aura), Ashley ( so eine Art weiblicher McGyver, welche jeden Rechner und jede Sicherung knacken kann) und natürlich die attraktive Lea (die gar nichts kann, aber hübsch aussieht). Lea ist verantwortlich für Kreischen, hilflos in der Ecke stehen und panische Gesichtsausdrücke. Aber auch die Monster-Seite rüstet natürlich auf: so gibt es liebevoll unbeholfene Kopien des Alien, spinnenartige Krabben von der Größe eines Cocker Spaniels, dicke schleimige Verwandte von Jabba Bings und die bereits erwähnten Blumenkreaturen.
Unsere Helden kämpfen sich also durch verschiedene Spielstätten, Lea kreischt sich durch die Levels, Shannon zersägt die Killerblumen am liebsten mit einer Motorsäge, welche sie im Krankenhaus gefunden hat und Stan erklimmt tapfer jede noch so glatte Fassade. Leider vergißt Brian, hin und wieder einen Energydrink zu sich zu nehmen und wird schließlich von einer haushohen Gladiole gefressen. Irgendwann beginnt Lea, uns auf den Sack zu gehen. Das tut sie allerdings nicht lange, da sie im Bergwerk unter lautem Kreischen von einem genmanipulierten Cocker Spaniel in 2 Teile gerissen wird. Auch Shannon geht es nicht besser: ihrer Motorsäge geht im Garten der alten Villa der Saft aus, so dass sie von ihrem mutierten Mathematik-Professor ausgesaugt wird – vielleicht war der auch gar nicht mutiert (wie Mathematiker eben so sind). Bleiben also noch Stan und Ashley. Zwischendurch trifft der komische Professor seinen Meister in Form von Jabba Bings. Der erwartet ihn im Gewächshaus und erwürgt den Prof mit einer besonders kräftigen Knospe. Das stört den Betrachter jedoch nicht besonders, da der Professor ohnehin nichts konnte und nur Verbandspäckchen verbraten hat. Gut, dass der weg ist! Da kann man mal wieder sehen, dass Intellektuelle in der Praxis häufig völlig hilflos sind. Stan schlägt sich immer noch ganz gut , doch nach der 8. Fassade geht ihm allmählich die Kraft aus. Eine Turbine im alten Wasserkraftwerk, welche Shannon im Vorbeigehen mal eben wieder in Betrieb gesetzt hat, reißt ihm beim Passieren die Rübe runter, so dass er im Interesse aller Verbliebenen keine Energydrinks mehr verbraucht. Hätte er eben öfter mal die Treppe benutzt! Ashley macht sich immer noch recht gut, ist sie doch sehr versiert im Umgang mit Kettensäge, Armbrust, Elektroschocker und Leuchtpistole. Wahrscheinlich kommt sie aus Texas, wo einem alle bekannten Arten von Waffen ja schon in die Wiege gelegt werden. Leider geht ihre Tatkraft ein bißchen auf Kosten ihrer mentalen Fähigkeiten, so dass sie schließlich beim Bilderrätsel im Haus des mißgestalteten Klavierlehrers an ihre Grenzen stößt und somit von seinem Notenständer, welcher sich als Mutant herausstellt, in kleine handliche Würfel gehackt wird.
So, jetzt haben wir den Salat: unsere Helden haben kläglich versagt und die Zivilisation wird von Blumen, Cocker Spaniels und mutierten Haushaltsgegenständen überrannt.
Mir ist das zu diesem Zeitpunkt schon völlig egal. Es ist vier Uhr früh, meine Daumengelenke sind entzündet, ich bin naßgeschwitzt und so übermüdet, dass ich den Tod unserer letzten 3 Akteure kommentarlos hingenommen habe. Ich wanke Richtung Badezimmer, um noch einmal pinkeln zu gehen, bevor die Blumen und Aliens die Tür aufbrechen. Ich stolpere zwischen übervollen Aschenbechern und überleeren Bierdosen durch das Schlachtfeld, bis vor mir das süße wenn auch abgekämpfte Antlitz meiner Herzallerliebsten auftaucht, welche mich mit glänzenden Augen anschaut und die florale Hölle der letzten Stunden mit der Frage „Das war doch cool, oder?“ kommentiert. Ich kann zu diesem Zeitpunkt nicht mehr sprechen, mein räumliches Sehen habe ich in Level 34 eingebüßt und schaukele wie ein Zombie in Richtung Bett. Schließlich hat sich der Sturm in meinem Großhirn gelegt und ich bekomme das Zittern in meiner linken Hand in den Griff, bevor ich im Traum in einer „Blume 2000“-Filiale den Großangriff einer übermächtigen Primelarmee zurückschlage.

Wo ist nur das gute alte „Tetris“ geblieben?
26.3.10 11:07
 
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