Ich sach ma so.....

 

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Im Grab der Namensopfer

Seit ich einen kleinen Neffen in der Familie habe, muss ich gestehen, liebe Leser, hat sich bei mir einiges geändert. Ich neige dazu, in fremde Kinderwagen zu schauen und kann mich nur schwer bremsen, den kleinen Erdenbürger mit einem „Duziduzi“ zu bedenken. Das kannte ich bisher nur von mir, sobald ein Hund in meine Nähe kam und so konnten die teilweise entsetzt schauenden Besitzer nur knapp verhindern, dass der kleine süße Rottweiler beim Knuddeln meinen Arm zerfleischte. Das ich in dieser Beziehung relativ angstfrei bin liegt vielleicht daran, dass ich Tiere und ganz besonders Hunde sehr gern habe und mit sämtlichen Vierbeinern aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis einen innigen und herzlichen Kontakt pflege - so z.B. mit einem Rottweiler namens „Lotharchen“, welcher meinem Freund Schrammi gehört. Lotharchen ist wirklich sehr süß und überaus schmusig. Außerdem liebt Lotharchen Schaumzuckererdbeeren und ist durchaus in der Lage, eine Steinmauer zu durchbrechen, wenn er dahinter ein Leckerli vermutet. Nun werden Sie sagen, „Lotharchen“ ist vielleicht nicht der passende Name für diese Mischung aus Kalb, Müllschlucker und Abrissbirne, aber seien wir doch mal ehrlich: Namen wie „Wotan“, „Thor“ und „Joker“ sind total ausgelutscht und klingen auch immer irgendwie nach NPD-Wähler, oder? Und wer will das schon? Außerdem habe ich noch nie ein Tier erlebt, welches mit seinem Namen nicht zufrieden war. Bei Menschen ist das anders. Zunächst einmal wird ein Mensch im Optimalfall älter als ein Haustier und zweitens habe ich auch noch nie gehört, dass einem vierbeinigen Hausgenossen sein Name zum Nachteil wurde. Vor meinem geistigen Auge taucht gerade eine Hundemeute auf, welche sich in einem unbeobachteten Moment zusammensetzt und den großen Schäferhund mobbt, den sein Frauchen auf den Namen „Schnucki“ getauft hat. Nun, ich will nicht sagen, dass es das nicht geben könnte, aber es scheint doch recht unwahrscheinlich.
Bei Kindern ist das – wie gesagt – anders.
Da in unserem schönen Land alle möglichen Menschen Kinder in die Welt setzen dürfen und dieses Recht leider gleich dutzendweise auskosten, tauchen immer mehr Namenskrüppel auf, deren Existenz schon vom Tag ihrer Namensgebung an zu einer Tortur wurde. Andererseits sind Namen etwas sehr Intimes, so dass ich nach einigen unschönen Erlebnissen davon Abstand genommen habe, werdende Eltern nach dem Namen ihres Kindes in spee zu fragen und diesen dann auch noch zu kommentieren. So passierte es, dass ich mich bei der Schwester eines Freundes zu folgender Aussage hinreißen ließ: „Na, Hauptsache, Du nennst das Gör nicht „Kevin“. So heißen nur Alkoholiker-Blagen aus den Neunzigern.“. Die merkwürdigen Blicke ersparten mir den Blick in die Geburtsanzeige und unser Verhältnis ist seitdem ein bißchen frostig.
Eine sehr liebe Arbeitkollegin von mir hat von 1996 bis 1998 kein Wort mit mir gesprochen, da ich, nachdem ich mich nach ihrem Namen erkundigt hatte, mich sagen hörte: „Grit? Grit ist doch kein Name. Grit ist ein Geräusch; und zwar das Geräusch, dass ein Ei macht, wenn man es auf dem Pfannenrand zerschlägt.“.Nach heutigen Maßstäben gebe ich zu, war das vielleicht ein kleines bißchen zu unsensibel (auch wenn es stimmt!).
Ein Grund dafür, dass ich noch keine Kinder habe, ist der, dass ich mich davor fürchte, dem Nachwuchs einen Namen zu geben, den er vielleicht ganz furchtbar findet und ich als Dank dafür irgendwann doch in dem billigen Pflegeheim lande. Andererseits habe ich eine diebische Freude daran, Namen zu sammeln und in kleinem geschützten Rahmen zu kommentieren. So fand ich vor einigen Tagen eine Liebesanzeige in der lokalen Presse, in der eine Frau ihrem Ehemann für 10 wunderbare Jahre dankt. Das allein ist auf jeden Fall sehr romantisch und sehr zur Nachahmung empfohlen. Leider jedoch fühlte sich die glückliche Ehefrau genötigt, der Welt mitzuteilen, dass das gemeinsame Glück noch durch die beiden wunderbaren Kinder komplettiert wird, welche auf die Namen Justin Dean Tyler und Kyara Zoe Summer hören. Es bleibt abzuwarten, ob die Kinder von dieser Verbindung und ihrer Existenz ebenso begeistert sind. Von einer ehemaligen Schulkameradin weiß ich, dass ihr Name Monique Jaqueline Warmbier der Grund dafür war, dass sie mit 18 Jahren heiratete, um zumindest diesen albernen Nachnamen los zu werden. Die Qualität dieser Verbindung ließ ein bißchen zu wünschen übrig, wie sie später im Frauenhaus feststellte.
Vor einiger Zeit besuchte ich meinen alten Freund Rainer Koslowski, der soweit ich weiß, mit seinem Namen recht zufrieden ist. Kaum saß ich auf der Couch, als seine Ehefrau Doreen (raten Sie mal, wo die herkommt!) und er mir mit glänzenden Augen offenbarten, dass sie trotz eines funktionierenden blueray-Recorders erfolgreich Nachwuchs produziert hätten. Sofort setzte ich mein „Hurra!“-Gesicht auf und spielte 30 Minuten lang Begeisterung. Doreen ist sehr lieb und man kann sie – bis auf ihren Leipziger Dialekt – wirklich gut um sich haben. Einige Dinge gibt es allerdings, welche ich – na, sagen wir mal etwas mühsam an ihr finde. Zum einen produziert die liebe Doreen mit wachsender Begeisterung hunderte von „window colour“-Bildern, welche sie dann gern ungefragt auf die Autoscheiben ihrer Opfer pappt. Ich hasse „window colour“. Ich weiß nicht, wer es erfunden hat, aber er scheint es sich zum Ziel gemacht zu haben, die Verdummung der Gesellschaft voran zu treiben. So fand ich eines Tages nach einem Besuch bei Koslowskis eine „window colour“-Diddl-Maus auf der Seitenscheibe meines Wagens vor, welche ohne Verzögerung zu massivem Unwohlsein meinerseits führte. Diddl-Mäuse sind schon schlimm, aber das Ganze noch mit „window colour“-Technik? Das ist wie Erhängen mit Stacheldraht. Ich erwog kurz, die Verursacherin bei der Polizei wegen Sachbeschädigung anzuzeigen, besann mich dann jedoch eines besseren, schlug die entsprechende Scheibe ein und ging dann zur Exekutive.
Nun sollte meine kleine „window colour“-Diddl-Maus-Freundin also Nachwuchs auf den Planeten werfen? Na, dann gute Nacht.
Obwohl ich nicht gefragt hatte, wurden mir sogar die näheren Umstände der Zeugung dargebracht. Man hatte gerade mal wieder „Der mit dem Wolf tanzt“ geschaut (Doreens Lieblingsfilm) und sich dann unter dem indianischen Traumfänger an die Produktion des Nachwuchses gemacht. Somit, erklärte mir die werdende Mutter, sei schon etwas Indianisches in dem kleinen Bengel drin. Ja, sicher. Sämtliche Spermien und Eizellen werden sich zu Beginn des Filmes gemütlich hinter der Netzhaut meiner Freunde platziert haben, kleine Popcorn-Tüten auf dem Schoß, um sich gemeinsam den Costner-Schmachtstreifen reinzuziehen. Nachdem das Licht wieder angegangen war, haben sich die kleinen Spermien noch kleinere Federn an ihre kleinen Köpfe gesteckt, um schließlich einer Meinung zu sein, dass, sollten sie heute auf die Squaw-Eizellen treffen, man von der Produktion eines Mitteleuropäers absehen und lieber einen kleinen Schwarzfuß-Indianer basteln wird. Ja, sicher – so wird es gewesen sein. Wie auch sonst? Sollte ich also irgendwann den Wunsch verspüren, ein schwarzes Kind zu zeugen, dann werden meiner Freundin und ich uns einfach einige Basketballspiele aus den USA anschauen und schon läuft die Sache.
Natürlich mußten mir die Koslowskis auch die gewiefte und wohl durchdachte Namenskombination für die kleine Rothaut verraten. Als Rufnamen entschieden wir uns für „Marvin“ (Überraschung!) und als Zweitname war „Günther“ geplant – so heißt Doreens Vater und dieser wäre tottraurig, wenn dieser Name mit ihm gemeinsam zu Grabe getragen würde. Allerdings heißen Indianer grundsätzlich nicht „Günther“, so dass noch ein dritter Name her mußte: „Eagleeye“. „Eagleeye“ wiederholte ich ungläubig und wartet darauf, dass irgendjemand „April, April!“ sagte. Allerdings wartete ich vergebens und aufgrund des Schocks gab mein Großhirn für kurze Zeit seinen Dienst auf. Daher kam ich nicht darauf, dass es sich bei diesem Namen um das englische Wort „Adlerauge“ handelte und dachte eher an den maskulinen kleinen stacheligen Sympathieträger, welchen man im Winter manchmal in den Komposthaufen findet. Wie in Trance stellte ich die entscheidende Frage: „Igelei? Welches denn? Das rechte oder das linke?“. Diese Frage wurde hormonell bedingt als Scherz abgetan und irgendwann erkannte ich, dass dieser schlechte Witz keiner war. „Wer soll denn der Patenonkel von Marvin Günther Eagleeye Koslowski werden?“, wollte ich schließlich wissen, „ Sitting Bull?“. Auch diese Bemerkung wurde mit gebührendem Gelächter zerstört, während ich vor meinem geistigen Auge den Lebensfilm dieses kleinen bedauernswerten Geschöpfes abspulen konnte. Marvin Günther Eagleeye Koslowski wird bereits im Kindergarten von allen Anwesenden verlacht und gedemütigt, bevor er seine Schullaufbahn nach der 6. Klasse beendet, da er das ewige Gelächter nicht mehr aushalten kann. An den Rand der Gesellschaft gedrängt wird er den Drogen verfallen, gewalttätig werden und im Rahmen der Beschaffungskriminalität ein sehr unschönes Ende in einer unschönen Seitenstraße mit einer unschönen Pistolenkugel in seinem Eagleeye nehmen – und das alles noch vor der Konfirmation! Allerdings klingt das schon ein bißchen wie der durchschnittliche Lebenslauf eines Indianers, oder? Also, wenn man es von der Seite betrachtet...
Aber wer nun glaubt, es ginge nicht noch schlimmer, der irrt. Eine sehr weitläufige Bekannte von mir erwartete ihr 6. Kind vom 9. Mann und hatte sich als Namen für den Kleinen „Delaine Lorell“ ausgedacht, was einen sehr reizvollen Kontrast zu dem Nachnamen „Stegelmann“ darstellt. Es werden noch Wetten angenommen, in welchem Alter der kleine Pupser seinen eigenen Namen aussprechen kann. Ich habe 10 Euro auf 12 Jahre gesetzt und weiß, ich bin in diesem Punkt sehr optimistisch. Seine Omi nennt den Scheißer in Unkenntnis der englischen Sprache „Diele Loréal“. Auch hübsch.
Nun will ich nicht sagen, dass mein eigener Name die Krönung der sprachlichen Schöpfung ist; allerdings klingt dieser nicht nach einem Waschmittel, einer Automarke oder nach längst ausgestorbenen unterdrückten Ureinwohnern. Auch muss ich nicht als lebender Grabstein für irgendwelche ebenso längst ausgestorbenen Idole meiner Eltern herhalten wie die Tochter einer Kollegin von mir, welche nun den Rest ihres Lebens mit dem für Legastheniker geeigneten Namen „Aahlyiaah“ oder so durch die Welt laufen darf, nur weil die liebe Mutti gern das Geträller einer anderen Aahlyiaah hörte, bis diese ihr Flugzeug ein bißchen ruppig an einem Berghang parkte. Was kann denn das arme Kind dafür? In diesem Fall habe ich wirklich Glück gehabt, denn sonst hieße ich heute wahrscheinlich „Heintje“ oder „Jürgen Marcus“.
Was waren das doch für schöne Zeiten damals, als es in meiner Schulklasse nur so wimmelte von Marcs, Thomassen und Susannes. Kurz vor der Jahrtausendwende wurde dann einer ganzen Generation von männlichen Babys der Zugang in die berufliche Chefetage verwehrt, da Mutti vorher den süßen Macauley Culkin in der „Kevin“-Triologie gesehen hat und wenn der eigene Nachwuchs schon nicht aussieht wie der kleine Culkin, dann soll wenigstens der Name passen. Sie dürfen mal Überlegungen anstellen, warum der kleine Kevin nach diesen Filmen einen rasanten Abstieg in Drogen und Alkohol erlebte und heute gar nicht mehr so süß und knuddelig aussieht. Was blieb ihm auch anderes übrig? Mit der Jahrtausendwende besann man sich wieder auf alte Werte und so sprangen Namen wie „Lukas“, „Hans“, „Elisabeth“, „Adolf“, „Eva“ und „Heinrich“ aus den Geburtsanzeigen, während die heutigen Eltern offenbar bestrebt sind, ihre Kinder nach Dingen zu benennen oder wie erklären sich Namensschöpfungen wie „Wolke“, „Alpha“, „Windsbraut“ und „Blue“?
Also, Ihr Pumuckels, Ihr Cheyennes, Ihr Kevins und Ihr Summers da draußen: verliert nicht die Hoffnung! Versucht, Euer Leben so gut wie möglich über die Bühne zu bringen: laßt nur Euren Nachnamen in das Telefonbuch eintragen, legt Euch einen Künstlernamen zu und freut Euch darauf, später einmal viel Geld zu sparen. Dann dürfen Mutti und Papi in dem billigen Pflegeheim darüber nachdenken, ob „Klaus-Dieter“ nicht doch besser gewesen wäre.
11.5.10 08:09
 
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