Ich sach ma so.....

 

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Am Abgrund der Dummheit

Ich habe, liebe Leser, nie so richtig verstanden, warum Menschen Tagebuch schreiben. Auch wenn man es nicht glauben mag, so passiert in meinem Leben nicht wirklich viel, was es wert wäre, für die Nachwelt erhalten zu bleiben. Der Gedanken, dass in 50 Jahren meine Urenkel sich begeistert auf die Tatsache stürzen, dass ich am 16. Januar 1987 vormittags Blähungen hatte, scheint mir bei aller gebotenen Dramatik nicht wirklich relevant. „Warum also Tagebuch schreiben?“, dachte ich, zumal das tägliche Schreiben sehr mit einer Verpflichtung einhergeht und ich Verpflichtungen über alle Maßen hasse. Dann jedoch geschah in meinem Leben etwas, was an Bedeutung ungefähr auf einem Level mit dem Maya-Kalender steht, sozusagen eine Warnung für die Nachwelt. Gut, es geht zwar nicht um das Ende der Zivilisation, aber zumindest um die Gefährdung einer ganzen Generation, wenn nicht gar des gesamten Intellekts der Menschheit. Aber urteilen Sie selbst, wenn ich Sie nun an meinen Tagebucheinträgen teilhaben lasse:

Montag, 9. Januar 2012: Heute begegnete ich meinem Chef auf der Treppe. Dieser begrüßte mich überschwänglich, lobte meine geschmackvolle Krawatte und wünschte mir einen schönen Tag. Glücklich taumelte ich die nächsten 2 Stockwerke hinab. Schön, dass endlich mal jemand meinen Einsatz und meinen Geschmack meine Kleidung betreffend würdigt.

Mittwoch, 11. Januar 2012: Mein Chef tritt auf mich zu, klopft mir auf die Schulter, um mir gleichzeitig zu sagen, dass man sehr froh darüber ist, mich „an Bord“ zu haben, da man sich schließlich immer auf mich verlassen könne – gerade in besonders heiklen Situation. Das Gefühl der Freude, welches die letzten 2 Tage in meinem Herzelein wohnte, wird schlagartig von Angst – ja, aufkeimender Panik – und von Misstrauen abgelöst. Entweder habe ich eine tödliche Krankheit, von der ich noch nichts weiß oder ich werde auf eine Strafexpedition oder ein Himmelfahrtskommando geschickt, so dass ich mir bald wünschen werde, tödlich erkrankt zu sein.

Donnerstag, 12 Januar 2012: Meine gesamte Umgebung ergeht sich in Lobenshymnen über das kleine Nest Kappeln an der Ostsee, welches neben einer unübersehbaren Lebensqualität auch beste Arbeitsbedingungen für intelligente Menschen mit hübschen Krawatten biete. Meine Panik ist fertig mit Aufkeimen und hat meinen gesamten Körper und Geist ausgefüllt. Ich überlege, eine Voodoo-Zeremonie mit Tieropfer durchzuführen, damit der Schierlingsbecher an mir vorüber geht. Wann ist eigentlich das nächste Mal Vollmond?

Montag, 16. Januar 2012: Ich habe den Vollmond verpasst. Selbst schuld, wenn es mit meiner Karriere bergab geht. Mittlerweile hat der Wolf in der Person meines mir weisungsberechtigten Chefs seinen Schafspelz abgelegt und mir eröffnet, dass ich zukünftig, junge wissbegierige Menschen, „welche im Leben nicht so viel Glück hatten wie wir“, zu unterrichten und auf die Ausbildung vorzubereiten habe. Was geht mich fremder Leute Elend an? Das Leben ist nun mal kein Ponyhof und manche Menschen sind einfach nicht von Fortuna geküsst. Fortuna wird schon wissen warum: am besten sie gewöhnen sich schnell daran und finden sich damit ab. Alles andere wäre doch nur Theater und pure Selbstlüge.

Dienstag, 17 Januar 2012: Mein Chef hat für Theater nicht viel übrig und fände es viel besser, wenn ich junge Menschen an meinem reichen Wissensschatz teilhaben ließe. Meinen skeptischen Blick wischt mein Boss und Führer mit der Bemerkung weg, dass nicht alle dieser ach so wissbegierigen jungen Menschen die extremste Ausprägung des ADHS-Syndroms hätten und im Pausenraum auf dem Tisch immer eine Schale mit Ritalin stehe – natürlich nur für den Notfall. Ich wage den vorsichtigen Einwand, dass ich für eine derartige Klientel nicht ausgebildet bin. Daraufhin zeigt mir Herr Weisungsbefugt kompromittierende Fotos aus meiner Jugend. Herrgott, ich brauchte damals das Geld. Auf nach Kappeln.

Donnerstag, 19. Januar 2012: Bei meiner Ankunft in Kappeln werde ich mit einer herzlichen Umarmung von der Karikatur einer Waldorfschul-Lehrerin begrüßt, welche primär dadurch auffällt, dass sie mehrere Röcke in den harmonierenden Farben orange, lila, rosa und rot trägt, welche sehr gut zu ihren braunen Entenschuhen passen. Die ebenso zahlreichen selbst gestrickten Oberteile in grün und blau bilden einen reizvollen Kontrast. Sie freue sich auf die Zusammenarbeit mit mir, sagt Frau Waldorfschule, denn wer eine so hübsche Krawatte trägt, der kann nur nett sein. Vielen Dank. Dann lerne ich noch ihre Kollegin kennen, welche mit ihrem zackigen russischen Akzent und der strengen Kurzhaarfrisur eher an eine KGB-Verhörspezialistin erinnert als an eine Bildungsbegleiterin. Sie scheint sehr entschlossen, denn sonst hätte sie mir wohl kaum beim Handschlag zwei Finger gebrochen. Man stellt mir ein eigenes Büro zur Verfügung, welches von Schwaden zahlloser Räucherstäbchen durchzogen ist. Ich solle erst einmal ankommen und mich in meinem „neuen Zuhause einrichten“, heißt es. So ähnlich muss sich Oliver Twist gefühlt haben, als er in das Waisenhaus einzog. Das Ganze riecht sehr nach griechischer Tragödie.

Freitag, 20. Januar 2012: Ich lerne meine „Schüler“ kennen und bin zunächst einmal positiv überrascht, dass die überwiegende Zahl offenbar den aufrechten Gang beherrscht und sich nicht von rohem Fleisch oder Insekten ernährt. Ich fasse Hoffnung. Vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm.

Montag, 23. Januar 2012: Es wird doch schlimm. Nachdem ich das morgendliche Gruppenknuddeln der anwesenden Lehrkräfte überstanden habe, betrete ich den Klassenraum mit einem Gefühl, dass am ehesten einem Löwendompteur gleicht, welcher ohne Peitsche und nur mit einigen rohen Filetsteaks bekleidet einen überfüllten Löwenkäfig betritt. Ich blicke in Gesichter, in welchen sich die dringenden Fragen widerspiegeln, ob die Erde tatsächlich rund ist und wie man allein aufs Klo geht. Neun Raubtiere darf ich mein nennen: sieben Jungs und zwei Mädchen, welche ich im Rahmen einer berufsvorbereitenden Maßnahme zu halbwegs lebensfähigen Angehörigen der menschlichen Rasse umerziehen darf. Bei einigen männlichen Probanten ist deutlich zu sehen, dass Mutti und Vati während der Schwangerschaft nicht auf die täglichen 8 Liter Bier und Korn verzichten wollten, was durch die Namen „Marvin“ und „Dennis“ noch vertieft wird. Kretinismus ist eine grausame Sache, besonders wenn sie gruppenweise auftritt. Eines der Mädchen mit Namen Jaqueline erinnert mit ihrem rosigen Teint, ihrem ausdruckslosen Gesicht und ihrer nahezu konturlosen Figur an eine große Fleischwurst, während das andere Mädchen ein Grinsen zeigt, welches durchaus auch einem Amokläufer gehören könnte, der soeben die Feinplanung seiner Mission abgeschlossen hat. Da sitzen sie: das Herz voller Frohsinn, das Hirn voller Leere und ich muss mit ihnen in einem Raum sein. Hoffentlich ist Dummheit nicht ansteckend.

Mittwoch, 24. Januar 2012: Ich hatte heute Nacht einen grässlichen Albtraum. Ich sollte einen IQ-Test absolvieren, scheiterte jedoch leider schon beim Eintragen meines Namens, da ich plötzlich nicht mehr wusste, wie man einen Kugelschreiber richtig hält. Als ich dann auch noch feststellte, dass ich im Traum Kevin hieß, wollte ich meinem Leben ein Ende setzen, doch leider hielt ich die Pistole falsch herum und erschoss den Pastor, welchen man mir zur Erbauung an die Seite gestellt hatte. Seine gestrickten rosafarbenen Oberteile sogen sich mit dem Rot seines Blutes voll . Ich glaube, sein Name war Walter Aldorf. Dann hatte das Schicksal ein Einsehen mit mir und ließ mich schreiend aufwachen. Da meine Schüler intellektuell auf dem Niveau von Tiefkühlgemüse stehen, legen wir heute eine kleine Bastelstunde ein (natürlich ohne scharfes Werkzeug). Wir basteln kleine Grußkarten an die Muttis (für diejenigen, welche ihre Mutter kennen. Nach Vätern frage ich gar nicht erst). Zu diesem Zweck habe ich farbiges Papier und Zackenscheren mitgebracht. Meine Waldorf-Kollegin findet die Idee „supi-klasse“ und prophezeit mir sogar Aufmerksamkeitsspannen von zwanzig bis dreißig Minuten. Da kann man mal sehen, wie weltfremd diese weichgespülten Baumkuschler sind.
Das Werken beginnt damit, dass zwei Teilnehmer aus dem bunten Papier Flugzeuge falten, wobei sie ständig versuchen, die Arbeit des Anderen zu zerstören. Lasst das doch Kinder! Das Leben wird Euch schon genug Steine in den Weg legen – wenn es überhaupt zu Euch kommt. Hinter meinem Rücken hat ein Teilnehmer soeben versucht, hinter die Tafel zu steigen und ist hoffnungslos zwischen Halterung und Wand eingeklemmt, ein anderer bearbeitet die Vorhänge mit der Zackenschere und Jaqueline glotzt sich weiterhin teilnahmslos durch die viel zu schnell voranschreitende Evolution. Die Grinsekatze hängt ständig an meinem Arm und fragt mich, wie man das Wort „Mutti“ schreibt. Wenn man mal überlegt, ist Chinas Ein-Kind-Politik gar nicht so schlecht und sogar noch ausbaufähig in eine Null-Kind-Politik. Völker mit einer so alten Kultur können nicht falsch liegen.

Freitag, 26. Januar 2012: Mein Musikgeschmack beginnt sich zu wandeln. Ich höre jetzt morgens im Auto „Slayer“ und muss verwundert feststellen, dass die maximale Lautstärke des Radios immer noch recht unbefriedigend ist. Meine kirchentagsgestählte Niederlassungsleiterin Andrea ergeht sich in Lobeshymnen über mich und meine Unterrichtsmethoden. Diese aufkeimenden jungen Menschen hätten mich schon so sehr in ihre kleinen unnötigerweise schlagenden Herzen geschlossen, dass sie nach dem letzten Unterricht nur zwei Reifen an meinem Wagen zerstochen haben und nicht - wie sonst - alle vier. Außerdem haben sie meine Bremsen nicht manipuliert, was allerdings nur daran liegt, dass sie mit der komplexen Bedienung eines Bolzenschneiders gnadenlos überfordert sind. Was das Aufkeimen angeht, so erinnere ich mich, dass giftiges Unkraut besonders schnell und heftig aufkeimt. Das wird kein Zufall sein.

Montag, 29. Januar 2012: Ich ertappe mich dabei, wie ich meine Fahrgeschwindigkeit auf meinem Arbeitsweg erhöhe. Hundert km/h sind wirklich viel zu langsam. Richtig interessant wird es doch erst ab einem Tempo von hundertsechzig km/h. Wenn Sie dann noch im Überholvorgang einfach mal die Augen schließen, spüren Sie wieder dieses Prickeln, welches Ihnen zeigt, dass sie noch am Leben sind. Leider. Heute eröffnen mir Batik-Andrea (meine Waldorf-Vorgesetzte) und KGB-Olga (in Wahrheit heißt sie Beate, was mir aber zu human klingt), dass die lieben Kleinen sich ja auch in zahlreichen praktischen Gewerken versuchen sollen wie zum Beispiel in der Holzwerkstatt und ich natürlich die besondere Ehre habe, sie dort zu beaufsichtigen. Die Schüssel mit den Ritalin-Kapseln habe ich schon vor der ersten Kaffeepause leer gemacht, doch die schönen bunten Farben, welcher ich dann ansichtig werde, verblassen leider immer schneller.

Mittwoch, 01. Februar 2012: Meine Freundin hat beim morgendlichen Kuscheln vier graue Haare in meiner Brustbehaarung entdeckt. Sie harmonieren allerdings perfekt mit meinem mittlerweile komplett ergrauten Haupthaar, was allerdings kaum auffällt, da ich die Anzahl meiner Resthaare auf dem Kopf ohnehin an einer Hand abzählen kann. Im Auto schnalle ich mich nicht mehr an – warum auch? Die nachträglich einbauten Boxen in meinem Wagen sorgen für eine originalgetreue Wiedergabe meiner neuen „Deathmetal“-CD. Nur das Zucken in meinem linken Auge stört mich ein wenig. Heute begleite ich meine Schäfchen in die Holzwerkstatt, damit sie sehen, was ihnen die Evolution noch alles vorenthält. Ein erstes intellektuelles Duell mit einem Holzbalken verlieren sie, da der Balken die Grundrechenarten beherrscht. Wer hat eigentlich veranlasst, dass diese Lebensazubis Werkzeug in die Hand bekommen sollen? Vermutlich der Gleiche, der auch Tschernobyl ausgelöst hat.

Donnerstag, 02. Februar 2012: Ich habe meine morgendliche Zigarette gegen einen morgendlichen Joint eingetauscht und darf erfreut feststellen, dass Ruhe, Ausgeglichenheit und Frohsinn wieder in mein Leben getreten sind. Besonders nach der zweite Dose Bacardi-Cola im Auto. Beim Betreten der Holzwerkstatt fühle ich trotzdem ein leichtes Unwohlsein, was damit zu tun haben könnte, dass meine Beine ihren Dienst versagen. Stellen Sie sich bitte vor, sie wären in einem Raum gefangen mit einer übellaunigen Affenhorde, welche alle frisch geschärfte Rasiermesser mit sich führen. Sie hingegen haben zur Verteidigung nur eine Pfefferminz-Zuckerstange zur Hand. Allerdings haben sich nicht alle meine Befürchtungen bewahrheitet. Sie sind nicht auf mich losgegangen, sondern bleiben unter sich. Marvin hat sich in einem missverstandenen Akt der Selbstverwirklichung mit Holzleim ein Brett ans Ohr geklebt und seinen IQ damit verdoppelt. Meine erste Intention, ihm das Brett ruckartig vom Kopf zu reißen und möglicherweise für eine wohltuende Lüftung seines Gehirns zu sorgen, wird von meiner zugehäkelten Chefin zunichte gemacht, welche mit einem Lösungsmittel sein Ohr einpinseln und somit das Brett schmerzfrei entfernen möchte. Um Marvin doch noch ein wenig wehtun zu können, lasse ich ein Stückchen Ohr-Holz-Verbindung bestehen und reiße dann das gesamte Brett ruckartig ab. Das sollte zumindest einen kleinen erzieherischen Effekt haben. Als Marvin nicht mehr schreit, nimmt er die Möglichkeit wahr, sein eigenes Stück Ohr gründlich zu untersuchen. Wer kann das schon? Er darf das Stück Holz als Briefbeschwerer mit nach Hause nehmen und seiner Betreuerin schenken. Ich erwäge den Einsatz von Propofol. Hat jemand die Privatnummer von Dr. Conrad Murray?

Montag, 06. Februar 2012: Das Zucken meines linken Auges wird so schlimm, dass ich nach und nach mein räumliches Sehen verliere. Ich erwäge den Ankauf einer Schnabeltasse, da durch das Zittern meiner Hände ungefähr siebzig Prozent meines Kaffees auf meiner Hose landen. Wäre mein Schmerzempfinden noch funktionstüchtig, wäre mir das sicherlich unangenehm. Im Büro treffe ich meinen Vorgesetzten, welcher mich auf das Herzlichste begrüßt und mir mit folgenden Worten launig auf die Schulter klopft: „Na, über Sie hört man ja auch nur Gutes. Ihre Maßnahmeleiterin glaubt, dass sie der perfekte Mann dafür sind und die Kinder scheinen sie zu lieben. Weiter so!“. Meine Maßnahmeleiterin glaubt auch, dass man sämtliche Probleme dieser Welt mit einer herzlichen Umarmung und einer Tasse Tee lösen könne – was ist schon die Meinung dieser farbenblinden „Du-Aufzwingerin“ wert? Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich auf meinen Chef stürzen und ihm mit einem rostigen Eierlöffel die Hodensäcke ausschaben. Nur ganz knapp schaffe ich es, diesem Impuls nicht nachzugehen und begnüge mich damit, ihn laut anzuknurren. Ich habe mir die Biografie der beiden Amokläufer der „Columbine Highschool“ besorgt und darf feststellen, dass wir drei Brüder im Geiste sind. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.

Dienstag, 07. Februar 2012: Abermals bin ich mit meinen Lebens-Azubis in der Holzwerkstatt. Marvins Ohr ist von einer roten Blutkruste bedeckt. Die von mir erhoffte erzieherische Wirkung bleibt leider aus, da sich an diesem Tag drei weitere Schüler ein Brett ans Ohr kleben – einer von ihnen ist besagter Marvin, der natürlich dieses Mal das andere Ohr nimmt. Ich erkenne daran die Fähigkeit, zumindest einfachste logische Zusammenhänge zu erfassen, was mich überrascht. Den übrigen Teilnehmern drücke ich Profi-Tacker in die Hand und fordere sie auf, die Funktion durch Ausprobieren zu ergründen. Was haben wir an diesem Tag gelernt? Eine Schädeldecke ist nicht so stabil, wie mancher vielleicht denkt und der Notarztwagen benötigt vier Minuten dreißig Sekunden bis zu uns. Morgen gehen wir an die Kreissäge, um zu beweisen, dass zehn Finger überflüssiger Luxus sind.

Donnerstag, 09. Februar 2012: Um drei Uhr früh weckt mich meine bedauernswerte Lebenspartnerin, da ich schlafend in der Garage stehe und unter lautem Brummen imaginäre Holzbretter an einer imaginären Kreissäge zurecht säge. Mein Sprachzentrum verkümmert zusehends und ich verwende fast ausschließlich die Worte „Alter“, „voll“, „total“ und „irgendwie so“. Aus meinem „ch“ ist schon lange ein „sch“ geworden. Außerdem kann ich mich immer mehr für die Musik von Bushido begeistern. Wer behauptet, Schwachsinn sei nicht ansteckend, der irrt sich gewaltig.
Heute steht Deutschunterricht auf dem Lehrplan, dessen Umsetzung allerdings an der Tatsache scheitert, dass die meisten meiner Schutzbefohlenen sich nur mittels 3-Wort-Sätzen und Grunzlauten verständlich machen können. Schon mal versucht, ein totes Pferd mit Heu zu füttern? Ich wage dennoch einen zaghaften Versuch: jeder soll fünf Minuten lang ein Hobby von sich vorstellen. Dafür haben sie zwanzig Minuten Vorbereitungszeit, was allerdings nicht von Belang ist, da sowieso keiner von ihnen die Uhr lesen kann und auch ich entdecke für mich die Notwendigkeit, auf Digital-Zeitmesser umzustellen. Waldorf-Andrea findet meinen Gedanken überaus innovativ. Quatsch „innovativ“ – es ist nur die pure Verzweiflung.
Die Präsentation der Arbeitsaufträge fällt sehr kurz aus, da ein Drittel der Schüler keinen Stift dabei hat und ein weiteres Drittel nur eine Freizeitbeschäftigung hat, welche sie jedoch vollkommen ausfüllt und fordert: beim Laufen nicht umzufallen. Jaqueline beobachtet gern Schnecken im Garten. Wenn die Biester nur nicht immer so verdammt schnell wären! Meine andere dauergrinsende Schülerin hängt die ganze Zeit an meinem Arm und fragt mich, ob „Atmen“ ein Hobby ist. Nein, mein Kind – in deinem Fall ist es unnötig und pure Verschwendung. Parallel versuche ich, meinen Lebensstandard auf Hartz 4-Niveau runterzukloppen. Wer braucht schon Arbeit, um sich selbst zu verwirklichen.

Freitag, 10. Februar 2012: Heute Nacht habe ich die Bremsschläuche am Auto meines Chefs durchtrennt und fühle mich irgendwie seltsam frei. Das wird diesen impotenten Wurzelzwerg lehren, in der Evolution herumzuwurschteln. Auf dem Weg zur Arbeit überlege ich, einen Verein zur Förderung einer strengeren Geburtenkontrolle oder einen Anders-Breivik-Fanklub zu gründen. Mal sehen. Ich muss mich daran gewöhnen, dass das Valium meinen Gedankenfluss ein wenig bremst, was nicht unsympathisch ist. Im Klassenraum herrscht eine rege Diskussion darüber, welches I-Phone denn nun das Beste sei. Ich verspüre den dringenden Wunsch, meinen Kopf rhythmisch auf die Tischplatte zu schlagen. Meine Freundin ist wieder zu ihren Eltern gezogen, da sie es nicht ertragen kann, dass ich Nacht für Nacht im Schlaf versuche, sie zu erwürgen.

Montag, 13. Februar 2012: Mein geistiger Verfall ist nicht mehr aufzuhalten. Ich habe heute Morgen versehentlich das Haus ohne Hose verlassen und es erst in der Mittagspause bemerkt, als ich mir den Kaffee in den Schoß gekippt habe. Egal. Momentan trainiere ich gerade, jede Hirnfunktion zu unterbinden und bin schon erfreulich weit gekommen. Perfektion braucht eben seine Zeit. KGB-Beate verwechselt mich mit ihrem Großvater und Kuschel-Andrea macht den tollen Vorschlag, etwas mit den lieben Kleinen zu spielen. Warum nicht? Ich kenne da ein überaus geeignetes Spiel: es heißt „Wie entferne ich mit einem Taschenmesser die Isolierung eines Starkstromkabels?“. Dieser Vorschlag wird zugunsten des klassischen „Mensch ärgere Dich nicht“ verworfen, was allerdings daran scheitert, dass die kleinen Schwachköpfe nicht bis sechs zählen können. Dunkle Visionen der sieben apokalyptischen Reiter plagen mich, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob es wirklich sieben sind. Was kam noch mal nach vier?

Mittwoch, 15. Februar 2012: Ich habe es geschafft! Mein Leiden hat ein Ende! Als ich heute Morgen versucht habe, meiner achtundsiebzig Jahre alten Nachbarin ihren Briefkasten an den Kopf zu kleben, hat man endlich gehandelt. Zwei zauberhafte Herren, welche in ihren blütenweißen Uniformen wie Engel aussehen und sehr, sehr nett sind, haben mich zu einem ebenso zauberhaften Notarztwagen eskortiert, wobei man mir links und rechts Geleitschutz gab, um aufzupassen, dass ich mich nicht verlaufe oder mir gar etwas zustößt. Von wegen „Servicewüste Deutschland“! Die anderen Patienten sind ausnahmslos sympathische und intelligente Zeitgenossen und auch die gepolsterten Wände sorgen für eine nachhaltige Wohlfühlatmosphäre. Die Medikamente schmecken prima und mit Hannibal Lector habe ich schon angefreundet. Der Arzt meint, in fünf bis sechs Jahren könne man über eine Lockerung des Vollzuges nachdenken, was doch eine sehr schöne Aussicht ist. Ich darf alle zwei Wochen Gäste empfangen und mit diesen durch eine Glasscheibe sprechen, nachdem ich versucht hatte, meinem Arbeitgeber bei einem Besuch in den Kopf zu beißen und sein Gehirn auszusaugen. Es ist bedauerlich, dass die Menschen heutzutage kaum noch Nähe zulassen wollen. Ansonsten spiele ich mit meinen Bauklötzen und spreche viel mit der Sonne, der Wand oder meinem Freund Harvey – alle ausnahmslos lieb und zauberhaft. An meine Schüler denke ich auch manchmal – besonders während der Aggressionstherapie. Von Andrea erhielt ich eine gehäkelte Genesungskarte, auf der alle Teilnehmer ihr Kreuz gemacht haben. Zu lieb! Ich werde Euch vermissen – besonders in meinen Gewaltphantasien.
19.7.12 15:13
 
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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


harvey / Website (13.10.16 09:05)
am abgrund der dummheit ... ?
was lauert denn da?
der verstand? ;-)

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