Ich sach ma so.....

 

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Ein Blümchen namens Jürgen

Wenn der Dichter sagt, meine lieben Leser, unser Leben ist eine Straße und die Menschen, die uns begegnen, sind die Blumen am Wegesrand, so möchte ich heute einmal vom größten und skurrilsten Blümchen sprechen, welches ich jemals am Wegrand meines Lebens erblickte: Jürgen. Wenn Sie sich nun ein ca. 2,10 Meter großes Gänseblümchen vorstellen mögen, welches sich nahezu ausschließlich von Korn-Cola ernährt und als Paketbote bei DHL arbeitet, dann ist das fast schon ein bisschen gruselig. Allerdings muss man dazu sagen, dass Jürgen und ich damals die einzigen Bewohner eines heruntergekommenen Mehrfamilienhauses waren, welche überhaupt einer beruflichen Tätigkeit nachgingen, mal abgesehen von der Horde kiffender Dauerstudenten aus Appartement 3c, aber das ist eine andere Geschichte. Ich gebe gern zu, dass zwischen unserem Postblümchen und mir so etwas wie eine Symbiose existierte, da Jürgen ausschließlich als Beleg dafür diente, dass es noch beschissenere Jobs gab als meinen und ich noch nicht den Bodensatz der Gesellschaft erreicht hatte, auch wenn ich gelegentlich schon feuchte Füße bekam. Ja, es waren nicht die besten Zeiten damals und weder das Jürgen-Blümchen noch ich strotzen vor Lebensfreude. Aber Sie, liebe Leser, wissen natürlich um meine Gabe, auch in der trostlosesten Situation einen Rest von Humor aus den letzten Ecken meines Daseins kratzen zu können und so gab es auch dieses Mal etwas Schreibenswertes. Bevor ich jedoch berichte, muss ich Sie auf die baulichen Besonderheiten unserer damaligen Behausung aufmerksam machen, denn dieses ist für die weitere Geschichte von zentraler Bedeutung. Das Haus in der Maybachstraße stand an einem Hang, so dass meine Wohnung von der Straße aus im 1. Stock lag, im Hinterhof jedoch im Parterre. Jürgen wohnte über meinem Appartement, so dass er von der Straße aus gesehen im 2. Stock lebte, von hinten betrachtet jedoch nur im ersten Stock. Dieses war vom Architekten vor 300 Jahren so geplant worden; nicht, dass Sie denken, dass Haus habe sich aufgrund des grob geschätzt 400 Jahre andauernden Reparaturstaus entsprechend geneigt. Obwohl ich gestehen muss, es hätte mich nicht gewundert, wäre das Haus irgendeines schönen Tages einfach lautlos in sich zusammengefallen. Hin und wieder muss auch der Herrgott einige evolutionäre Flurschäden von der Landkarte tilgen: denken Sie nur als Sodom und diese andere Stadt, von der ich keine Ahnung habe, wie man sie schreibt.

Unser Feierabend sah stets gleich aus: manchmal trafen mein unglücklicher Paketbote und ich zur selben Zeit zuhause ein, was mich in die Lage versetzte, beobachten zu dürfen, wie Goliath-Jürgen sich in einer Weise aus seinem klapprigen Kleinwagen faltete, welche man nur als sehenswert bezeichnen kann und die sogar einem Schlangenmenschen Anerkennung abgerungen hätte. Während Jürgen seine Körpergröße von 1,30 Meter Autofahr-Größe wieder auf das normale Maß entfaltete, kam meist auch die obligatorische Lidl-Tüte zum Vorschein, in welcher sich neben 3 Flaschen Korn noch eine Packung Wiener Würstchen und ein Paket Graubrot befanden. Wir beließen es bei einem kurzen Nicken voller anerkennender Ablehnung und jeder zog sich in seine Kemenate zurück. Ich warf zunächst die nach Rechnung aussehende Post in den Papiermüll, nahm sodann ein paar bewusstseinserweiternde Drogen und suchte Entspannung bei einem möglichst trivialen Fernsehprogramm. Jürgen schien es ähnlich zu machen, doch tauschte er die Drogen gegen die bereits erwähnten Liter Korn-Cola und das Fernsehprogramm gegen die „Greatest Hits“ der „Eagles“. Irgendwann im Laufe des Abends hatte mein geschätzter Mitbewohner dann seinen Alkoholpegel, was man daran merkte, dass die Musik immer lauter wurde und der Song „Hotel California“ in der Dauerschleife lief. Er musste Jürgen viel bedeuten, dieser Song, denn sonst hätten wir ihn nicht jeden Abend ungefähr 150 Mal gehört. Vielleicht waren es Erinnerungen an bessere Zeiten, die aber offenbar schon lange, lange vorbei waren, oder es war die Trauer über die Tatsache, dass es diese Zeiten niemals gegeben hatte. Wer weiß. Auf jeden Fall öffnete mein Jürgen irgendwann immer die Balkontür und wankte hinaus, um die Welt an seinem Schmerz teilhaben zu lassen. Und dann passierte es: aufgrund seiner beachtlichen Körpergröße stellte die viel zu niedrige und ohnehin marode Balkonbrüstung kein nennenswertes Hindernis dar und so verlor 3-Promille-Jürgen regelmäßig das Gleichgewicht und stürzte vom Balkon in den Hinterhof. Die 2 Meter 50 Fallhöhe war zwar nicht tödlich, doch muss sich unser tapferer Postmeister zumindest regelmäßig wehgetan haben, auch wenn er in dem weichen Unkraut-Teppich landete, welcher der trostlosen Umgebung zumindest einen kleinen grünen Farbklecks bescherte. Dann folgte zunächst Stille, bis der gespannt lauschende Zeuge dieses sehenswerten Vorfalls irgendwann erleichtert einige leise Flüche des Opfers vernehmen konnte. Sie kennen ja den alten Spruch: Kinder und Betrunkene tun sich so gut wie nie weh. Wenn man diese Weisheit mal zugrunde legt, dann war Jürgen doppelt geschützt, denn neben einem recht kindlichen Gemüt verfügte er über einen stets verlässlichen Alkohol-Grundpegel. Irgendwann tauchte begleitet von leisen Flüchen und unterdrücktem Stöhnen eine Hand an meiner Balkonbrüstung auf, einige Augenblicke später gefolgt von Jürgens rotem Kopf und einem Blick, welcher die Attribute Orientierungslosigkeit, geistige Überforderung und Überraschung in beeindruckender Art und Weise in sich vereinigte.
Da ich natürlich stets um das Wohlbefinden meiner Mitmenschen besorgt bin, stürzte ich auf den Balkon, das Telefon bereits in der linken Hand (den Notruf und die Nummer des Bestattungsunternehmers haben bei mir die Plätze 2 und 3 nach dem Pizzaservice auf Platz 1) und den antiken Verbandskasten in der rechten, um mich davon zu überzeugen, dass Jürgen neben einer gewissen Grund-Hässlichkeit keine weiteren unter Umständen gefährlichen Blessuren davon getragen hat. Das festzustellen war besonders am Anfang nicht immer einfach, da mein werter Herr Nachbar stets aussah, als habe er die Nacht in einem laufenden Betonmischer bzw. auf einem Kranausleger verbracht. Er war nicht gerade der Mensch, mit dem die Evolution angeben würde, um es mal vorsichtig auszudrücken. Es hielt sich zwar hartnäckig das Gerücht, Jürgen sei geschieden, doch wusste man natürlich nicht von wem oder von was. Seine Wirkung auf Frauen ließ sich am besten mit der Tatsache charakterisieren, dass nicht einmal die weibliche Nachbarskatze etwas von ihm nahm. Erotisch ist anders.

Obwohl ich nicht unmittelbar zu Jürgens absoluten Fans zählte, so hat doch der Anblick eines Körpers, welcher von oben nach unten (wie auch sonst?) am Wohnzimmerfenster vorbei fällt, etwas Dramatisches und Traumatisches, so dass ich zumindest bei den ersten 200 Mal schreckhaft zusammenzuckte. Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier und irgendwann waren Jürgens Flugversuche für mich ebenso Routine wie das Paar aus dem Hinterhaus, welches sich stets in volltrunkenem Zustand abwechselnd mit Leergut bewarf. Diesbezüglich muss ich allerdings sagen, dass der Unterhaltungswert dieser beiden beträchtlich größer war, denn sie erlaubten mir, Wetten abzuschließen, wer wen heute als erstes am Kopf trifft und ob Polizei und Krankenwagen mehr oder weniger als 30 Minuten brauchen, während der Sieger draußen die restlichen Pfandflaschen einsammelt. Ja, so ein Sieg will natürlich auch anständig gefeiert werden. Irgendwann plumpste Jürgen ungesehen in den Hinterhof und solange kurze Zeit später die obligatorische Hand an meiner Balkonbrüstung auftauchte, bestand keinen Anlass, die Couch zu verlassen oder Geld an ein Ortsgespräch zu verschwenden. Man muss die Menschen zur Selbständigkeit erziehen, dachte ich mir, und so deponierte ich irgendwann meinen antiken Verbandskasten auf dem Balkon, so dass Mister DHL sich bei Bedarf selbst hätte bedienen können. Schließlich weiß man ja als guter Nachbar, was sich gehört.
Eines Tages nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und erkundigte mich bei Jürgen, ob die allabendliche Flugschau eigentlich als Unfall anzusehen ist oder ob es sich dabei um eine religiöse Tat oder ähnliches handelt. Vielleicht erhoffte Jürgen sich auf diese Art und Weise auch einen Eintrag in das Guinnessbuch der Rekorde oder so. „Oder willst Du einfach mal wissen, wie sich so eine Postwurfsendung fühlt, was?“, fragte ich und war selbst geradezu hingerissen vom geistreichen Witz meiner humoristischen Äußerung. Für Jürgen war dieses Maß an Humor und Geist offenbar unerreichbar, denn er glotzte mich mit dem Gesichtsausdruck eines toten Karpfens an. Allerdings hatte ich das dringende Gefühl, dass er an diesem Abend mit einem gewissen künstlerischen Anspruch und besonderen Elan wieder einmal bewies, dass Luft keine Balken hat.
Ja, es hatte einen gewissen Unterhaltungswert und das blieb auf die Dauer auch den übrigen Nachbarn nicht verborgen. Irgendwann versammelte sich die kiffende Blüte unseres Landes regelmäßig im Hof und wartete auf die Flugschau und sogar das Paar aus dem Hinterhaus verlegte das Leergut-Zielwerfen auf die flugfreie Zeit. Die Idee, dem Ganzen als Event mit Grillparty oder ähnlichem einen professionellen Charakter zu verleihen, setzte sich leider nicht durch. Auch die Idee einer Pressemitteilung wurde aus unerfindlichen Gründen zu schnell wieder verworfen. Evil Knievel wäre bestimmt nicht so berühmt geworden, wäre er mit seinem Motorrad nur im Hinterhof herum gesprungen. Aus der Sicht eines Marketing-Experten wurde hier Potenzial vergeudet, aber ich kann mich auch nicht um alles kümmern. Allerdings schritt ich energisch ein, als diese pseudo-intellektuellen Weicheier-Studenten vorschlugen, im Hof einige alte Matratzen zu deponieren, damit Jürgen sich eines Tages nicht doch ernsthaft verletzt. „Quatsch!“, warf ich in die Debatte ein, „Jürgen ist nicht umsonst der Chuck Norris der Paketboten! Matratzen würden ihn beleidigen und ihn zudem in seiner künstlerischen Freiheit einschränken. Man denke nur mal an Dinge wie z.B. „Brauner Bär“ – das großartigste Eis meiner Kindheit. Jahrelang war es perfekt: künstlich und ungesund. Dann wurde daran herumgedoktert und was kam heraus? Irgend so ein natürlicher Mist, denn keiner mehr kaufen wollte. Nein nein, Jürgens Nummer steht und ist perfekt so wie sie ist.“. Der Stichhaltigkeit und unbestreitbaren Logik meiner Äußerung wurde anerkennend Rechnung getragen und um mich dennoch kooperativ zu zeigen, willigte ich ein, zumindest die Glasscherben aus der Landezone zu entfernen. Aber was soll ich sagen? Nach der kleinen Aufräumaktion war irgendwie der Zauber aus der Nummer raus. Schließlich erwischte ich mich sogar dabei, wie ich nach dem Sturz nicht einmal mehr in Richtung Balkongeländer schaute, um auf Jürgens vertraute Hand zu warten.

So normal des Nachbars Fallsucht für mich wurde, so erschreckender war sie natürlich für meine Besucher. Ich gebe zu, mein Image in der Gesellschaft litt ein wenig darunter. So hatte meine Mutter schließlich den Weg zu mir gefunden und wir saßen entspannt plaudernd (so entspannt man eben sein kann, wenn die liebe Mutti einen zuhause besucht) in meinem Wohnzimmer. Irgendwann stockte meine Erzeugerin mitten im Satz wurde kreidebleich und schrie:“ Da, da, da ist eben jemand am Fenster vorbei gestürzt!“. Dieser panische Gesichtsausdruck hatte schon etwas Herziges an sich, doch er änderte sich schlagartig in Unverständnis, als ich ungerührt und ohne den Blick zu wenden antwortete:“ Hmm, ja.“. „Nein wirklich! Da ist eben jemand herunter gefallen!“, rief meine Mutter immer noch voller Entsetzen. „Ja, ich weiß, Muttern.“, versuchte ich sie zu beruhigen“ Das ist nur Jürgen. Der kommt gleich wieder hoch.“. Schließlich tauchte irgendwann die oft beschriebene Hand am Balkongeländer auf und ließ Jürgens Kopf folgen. Als er registrierte, dass ich Besuch hatte, überraschte unser kleiner Hermes uns mit dem Benehmen eines Gentleman, indem er meine Mutter anlächelte und mit der freien Hand winkte. Ist mir wirklich unverständlich, warum Jürgen keine Frau abbekommt. Es dauerte ein bisschen, bis ich meiner werten Erzeugerin die ganze Situation geschildert hatte und schließlich musste ich mir auch noch vorwerfen lassen, ich sei verroht, zynisch und egozentrisch. Hätte irgendjemand die Menschen als egozentrisch betrachtet, welche die Gebrüder Wright zu ihren Flugversuchen animiert haben? Der Gerechte muss viel leiden.
Um diesen unglaublichen Vorwürfen jedweden Nährboden zu entziehen, suchte ich irgendwann einmal das Gespräch mit Jürgen: „Sag mal, Du weißt aber generell schon, dass wir ein Treppenhaus haben, oder?“. Mit dieser Äußerung hatte ich Flug-Jürgen wieder überfordert, wobei ich mir bis heute nicht wirklich sicher bin, ob er nicht vielleicht doch einige Spätfolgen davon getragen hat. Tatsächliche Blessuren waren nämlich die absolute Ausnahme: einmal verstauchte sich Jürgen das Handgelenk und ein anderes Mal trug er eine Platzwunde an der Stirn davon – auch Profis haben mal einen schlechten Tag.

Irgendwann erlaubte es meine finanzielle Situation, in eine bessere Gegend umzuziehen und so stehe ich heute hin und wieder an lauen Abenden bei gutem Flugwetter und geeigneter Thermik wehmütig und an alte Zeiten denkend auf meinem Balkon und wenn keiner zuhört, stimme ich sogar manchmal den alten Nicole-Klassiker an: „Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund,…“. So sind wir eben, wir sentimentalen Egozentriker.
19.5.14 09:48
 
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